Das Motivational-Poster-Mindset

Es ist eigentlich kein Geheimnis, dennoch sind Menschen immer erstaunt, wenn ich etwas dazu sage: Ich hasse Motivationsposter. Ich hasse Kalendersprüche. Ich hasse ‚inspirierende‘ Memes. Es ist nicht nur ein bisschen Hass. Es ist HASS. Und zu einem gewissen Anteil dehnt sich dieser Hass auch noch auf Lebenshilferatgeberliteratur aus.

Wie bei so Vielem, liegt der Kern für diesen Hass in der Kindheit.
Ich hatte niemanden zum Reden. Ich hatte niemanden, der sich meine Probleme im Umgang mit anderen Menschen anhören wollte.

Immer, wenn ich zum Beispiel über das Mobbing durch meine Klassenkameraden sprach, wenn ich weinte, flehte mich aus der Klasse zu nehmen oder in eine andere Schule zu geben, war, die einzige Antwort, die ich hörte: Du musst lernen, über dich selbst zu lachen.
Antworten auf andere angesprochene Probleme lauteten zum Beispiel „Du nimmst das nur zu schwer“, „Du bist so jung, du kannst gar keine Probleme haben“, „Du musst nur unkomplizierter sein“, „Du musst mehr lachen“ … etc etc.

Als dann vermehrt der antroposophische Gedanke in die Familie einsickerte, war die finale Erklärung für meine Probleme gefunden: Ich war „Phlegmatiker“, also ein Persönlichkeitstyp, der alles nur schwer nimmt, selbst, wenn es gar nicht schwer ist.

Das zu dem Zeitpunkt über ein halbes Jahrzehnt Mobbing bereits seine Spuren hinterlassen hatte, ich so überfordert und hilf- und haltlos war, dass ich ab 14 dauerdepressiv war und ab 15 begann eine Panikstörung zu entwickeln … egal.

Eigentlich war ja nichts. Das Problem war ja nur, dass ich aus dem ‚eigentlich nichts‘ einen Elefanten machte und dann darunter litt.

Das Fazit für mein Umfeld daraus war: Wir müssen nichts tun. Wir müssen nicht helfen. Wir müssen uns nicht mal die Zeit nehmen, zuzuhören.

Die ‚Hilfe‘ meines Umfelds gipfelte dann im Geschenk „Sorge dich nicht, lebe“.
Das natürlich doch etwas war, dass ich in der Schule scheiterte, weil ich mich dank ADHS nicht konzentrieren konnte, dass ich im Sozialen scheiterte, weil ich Menschen nicht verstand, alles ließ sich mit einfachen Formel wegerklären, zu einem Nicht-Problem machen, und mit ebenso einfachen Formeln eine angebliche Lösung präsentieren.

Das führte dazu, dass ich irgendwann verstummte. Mit wem sollte ich reden, wenn niemand überhaupt genug Zeit aufbrachte, sich überhaupt anzuhören, was mich belastete, weil er bereits eine vorgefasste Meinung davon hatte, was mit mir los ist und wir mir zu helfen ist?
Ich begann, meine Probleme nur noch mit mir selbst abzumachen.

Auch heute fällt es mir noch schwer, persönliche Probleme anzusprechen. Es muss schon sehr viel passieren, es muss sich bereits sehr viel auf- und angestaut haben, bis ich in der Lage bin, die innere Hürde zu überschreiten und mich zu öffnen.

Das geht so weit, dass es mir teilweise leichter fällt, Probleme auf Twitter auszudrücken, wo ich eben nicht in der Situation bin, in einem Gespräch mit einer zweiten Person dann möglicherweise eine desinteressierte, wegwischende Reaktion zu erfahren. Weil ich dort das Problem aussprechen kann, aber es auch quasi in den ‚Void‘, einen undefinierten Raum, stelle und es nicht wirklich wichtig ist, wer reagiert und ob jemand reagiert.

Denn leider beschränkt sich dieses Verhalten ja nicht auf das eigene, enge Umfeld sondern es zieht sich durch die gesamte Gesellschaft, teils bis hin zu den Personen, die eigentlich helfen sollten, wie Psychiater oder Psychotherapeuten.

Für mich selbst habe ich dieses Verhalten, das „Motivational-Poster-Mindset“ getauft, denn es taucht oft, wenn nicht immer im Zusammenhang mit Personen auf, die gerne Motivations-Poster oder ‚inspirierende‘ Memes teilen.

Für mich drückt sich darin eine  besondere Art der Ignoranz, eine besondere Art der Realitätsleugnung aus, indem man versucht komplexes, menschliches Sein und komplexe Probleme auf einfache Formeln herunterzubrechen.

Ja, es gibt durchaus Zitate und Sprüche, die in einer bestimmten Situation auch mal Trost spenden können, aber so viele, sind in Wirklichkeit ein Schild. Ein Schild, gegen die Realität, ein Schild, wirklich Anteil am Leben oder Leiden anderer nehmen zu müssen.
Nicht wenige kommen auch als weichgespülte Feel-Good-Botschaften daher und sind in Wirklichkeit scharfe Waffen.

So entwarf eine Künstlerin, nach einer überstandenen Krebserkrankung Postkarten, mit Aussagen die sie wirklich gerne von ihrem Umfeld gehört hätte, statt schmerzvollen, wegwerfenden Formeln, wie „alles passiert aus einem Sinn“ oder „du musst nur gesund werden wollen, das ist alles in deinem Kopf“.

Nicht wenige Memes sehen nur auf den ersten Blick harmlos aus, doch beim zweiten, genaueren Blick sieht man die darunterliegende Botschaft, die weitaus dunklere Ideen transportiert.
Nicht wenige dieser Memes und Poster sind in Wirklichkeit die kurze, formelhafte und bunte Variante von sozialer Kontrolle.

Wer Memes teilt, will sich manchmal selbst trösten und manchmal selbst helfen, ja. Doch weitaus öfter transportieren diese Mini-Bildergeschichten den Wunsch nach außen, wie sich andere Menschen oder die Gesellschaft als Ganzes verhalten sollten.

Es ist nicht selten, sondern eigentlich sogar auffällig häufig der Fall, dass das Teilen von ‚inspirierenden‘ Memes und Kalendersprüchen mit einer ausgeprochen esoterischen oder pseudo-religiösen Haltung zusammenfällt und wenn man einen Moment darüber nachdenkt, ist das auch folgerichtig.

Memes brechen komplexe soziale und persönliche Prozesse auf einfache Formeln nieder. Sie verbreiten die selbe, gezwungen schein-positive Einstellung, wie Esoterik oder Pseudo-Religiösität und bieten einfache Erklärungsmuster für eine komplizierte Welt.
Wer dem Motivational-Poster-Mindset anhängt, macht es sich gerne einfach und er beschäftigt sich nicht so gerne ehrlich, aufrichtig und hilfreich mit dem Leben der Menschen um ihn herum.

Für mich ist das Motivational-Poster-Mindset eine Form, der Verlogenheit, des Selbstbetrugs und ein Fehlen von Empathie, die schadet.

Es kann weg.

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