Das Heilpädagogik-Paradigma

In ABA lebt das alte Heil- und Sonderpädagogik-Paradigma weiter, das besagt: „Aus denen wird sowieso nichts, da bringen wir ihnen wenigstens bei, wie man in die Augen schaut, Hosen faltet, in welcher Reihenfolge man Geschirr abwäscht und wie man im Rhythmus klatscht.“

Dabei könnte aus vielen Autisten echt was werden, würde man sie in ihren Spezialinteressen und den starken Teilen ihres ungleichen Begabungsprofils stärken, statt ihnen nur Falten, Abwaschen und Klatschen beizubringen.

Faxt/Mailt eurem Wahlkreisabgeordneten zum Bundes“teilhabe“gesetz

Erst letzte Woche wurde der Referentenentwurf zum Bundesteilhabegesetz öffentlich und man kann nur sagen, das Ding ist nicht nur, wie oft, unausgegoren und milde unbefriedigend, nein, es ist desaströs. Heute soll das Gesetz bereits durch den Bundestag geprügelt werden (Tagesordnungspunkt 6), trotz massiver Proteste von Menschen mit Behinderungen.

Heute vormittag ist also die allerletzte Chance, eurem Wahlkreisabgeordneten zu sagen, dass Ihr dieses Gesetz in seiner aktuellen Form nicht umgesetzt sehen wollt. Deswegen habe ich mal einen schnellen und schmutzigen Text heruntergetippt und an meine Abgeordneten gemailt.

Der typische Verlauf einer Diskussion mit Befürwortern von ABA und ähnlichen behavioristischen Therapien

ABA-BEFÜRWORTER: „Mit ABA möchten wir die verbale und non-verbale Kommunikationsfähigkeit von Autisten verbessern und erreichen, dass sie lebenspraktische Fähigkeiten erwerben.“

ASPERGER-AUTIST: „Das Ziel rechtfertigt keine Dressurmethoden.“

ABA-BEFÜRWORTER: „Sie können sich gut mitteilen, also sind sie nur milde autistisch. Es ist anmaßend von mild betroffenen Autisten für alle zu sprechen. Wer sich gut mitteilen kann, kann die Probleme von schwer betroffenen Autisten gar nicht erfassen.“

KANNER-AUTIST: „Also ich finde es gut, wenn wir denen nicht egal sind. Ausserdem habe ich so eine Therapie durchgemacht und es war alles andere als gut. Meine Mitteilungsfähigkeit wurde zu teuer erkauft.“

ABA-BEFÜRWORTER: „WER SICH GUT MITTEILEN KANN, KANN JA NICHT SO SCHWER BETROFFEN GEWESEN SEIN.“

Null Problemo

Statistiken so: Autisten mit höherem IQ sind gut ausgebildet aber dennoch zu 80% nicht erwerbstätig. Sie finden keine Jobs. Sie nehmen sich mit 2,5-fach höherer Wahrscheinlichkeit selbst das Leben, als Nichtautisten. Sie leiden oft an Einsamkeit, finden meist keine Partner, ihre Lebensqualität ist niedrig und sie entwickeln mannigfaltige Folgeerkrankungen von Depressionen bis PTBS.

Eltern, Eltern-Organisationen und (ABA-)Therapeuten so: Die sollte man gar nicht erst diagnostizieren. Die nehmen nur den echten, schwer betroffenen Autisten die Ressourcen weg.

Spätdiagnostizierte

And that a lot of the things that add up to make an autistic childhood hard, especially when so many of us weren’t diagnosed, weren’t necessarily the big, spectacular challenges, but as I said to a friend once, the thousand daily little signals and reminders we get that we’re wrong or that people aren’t supposed to be the way we
are.
chavisory

„Die Sache vertreten“

Autisten nicht zu diskriminieren und ihnen den gleichen Respekt wie anderen Menschen zukommen zu lassen — wie darauf zu verzichten, mit unserem Sein negative Entwicklungen zu beschreiben — ist keine ‚Sache‘ die ich oder andere Autisten ‚vertreten‘ müssen und der man dann gnädigerweise nachkommt, wenn wir das hinreichend gut tun.

Würde und Gleichberechtigung ist ein Menschenrecht. Das achtet man, oder man lässt es.

 

Von richtig schlechten Ratschlägen: Mit einem Kind wird alles anders.

Es kommt nicht so wahnsinnig oft vor, dass ich detaillierter aus der Zeit zwischen ~18 und meiner Diagnose mit Anfang 30 berichte. Abgesehen von der zusammenfassenden Aussage, dass es eine problematische Zeit war. Probleme, die mich bereits seit meiner Jugend begleiteten, wuchsen mir nur deswegen nicht sofort über den Kopf, weil ich mich mehrere jahrelang ausserhalb der normalen Gesellschaft bewegte. Als ich versuchte in der normalen Gesellschaft Fuß zu fassen, taten sie es im Handumdrehen.

Anreizend

Drüben, bei Christiane, steppt mal wieder der Sozialneid. Unter den Kommentatoren zur Petition von Raul Krauthausen und Constantin Grosch weisen diverse Kommentatoren darauf hin, dass Behinderte, die auf Assistenz angewiesen sind, maximal 2600 Euro ansparen dürfen sei so schon ganz okay, weil

Modediagnoserant

Warum Diagnose: Mein Diagnostiker fragte, warum ich die Autismusdiagnostik wolle. Ich sei doch klar depressiv. DAGEGEN könne man Medikamente nehmen. Zur Not ein Leben lang. — Ich hatte ab 16-17 ~ alle 2 Jahre Depressionen und bekam oft Medikamente. Mir ging es enorm mies damit. Lebensqualität & Produktivität = 0. Seit der Diagnose, der 2. Diagnose, Therapie und dem richtigen Medikament habe ich nun seit 11 Jahren keine behandlungsbedürftige Depression mehr gehabt. Meine Lebensqualität, meine Produktivität stieg rasant. Das kann keine falsche Diagnose oder unpassende Therapie leisten. Und immer noch sagen mir Leute, ich bilde mir das ein und müsste nur mal trainieren unter Menschen zu gehen.

Automatismen

Auch so ein Automatismus, wenn man Menschen, die die Bezeichnung einer Behinderung verwenden, um etwas als negativ zu kennzeichnen oder sich auf (eingebildete) ‚typische‘ Verhaltensweisen beziehen, darauf hinweist: Nachdem sie erst mal bezweifelt haben, dass es ‚Betroffene‘ sind, die sich beschweren kommt im nächsten Satz der Hinweis, sie hätten ja selbst mal in der Betreuung von Behinderten gearbeitet. (Will sagen, sie kennen sich voll aus.)

Da weiß man dann: Das waren die Menschen, die ‚den Behinderten‘ auf Augenhöhe und mit Respekt gegenübergetreten sind. Nicht.

Zäsur und Barrierefreiheit

In der Zeit von 2011-2013 war ich, für meine Verhältnisse, ungewöhnlich aktiv. Ich bin viel herumgereist und war auf kleinen und größeren Veranstaltungen, wie dem Buchcamp, der Buchmesse, dem MXSW oder dem Autismus Symposium von Auticare und habe auch selbst Vorträge oder Workshops gehalten. Dabei habe ich versucht all die Lehren, die ich seit meiner Diagnose gezogen habe und die Strategien, die ich mir in der Therapie angeeignet habe, anzuwenden. Das heißt: versuchen die Balance zu wahren, nie zu viele Veranstaltungen hintereinander, danach mindestens eine Woche einplanen, in der ich nicht leistungsfähig bin, versuchen immer mal inne zu halten und mir die Zeit zu geben, herauszufinden wie es mir wirklich geht, versuchen die Warnanzeichen rechtzeitig zu erkennen, Ruhephasen einzulegen … alles zu tun, um die Überlastung nicht zu groß werden zu lassen.

Aber mit uns ist es doch nicht anstrengend …

Nach der Autismus-Diagnose ist es sinnvoll, aktiv zu werden anstatt sich nun in die Ecke zu legen und das Dasein als Autist zu bejammern. Dazu gehört möglicherweise eine Therapie … die meisten spät erkannten Autisten haben immerhin tonnenweise Erlebnisse zu verarbeiten … aber auch das Leben so zu organisieren, dass es sich gut lebt und Probleme wie in der Vergangenheit vermieden werden. Die meisten Autisten kommen schließlich im Erwachsenenalter erst, oder überhaupt nur dann zu eine Diagnose, wenn es so richtig gekracht hat.

N#MMER Nr. 2 – Jetzt reden wir

Im Blog ist es seit einiger Zeit recht still. Das hat natürlich seine Gründe und liegt nicht daran, dass ich keine Themen hätte. Die Zahl der Artikel die ich mir verkneifen musste, weil mir einfach Zeit und/oder Energie fehlte, ist zweistellig. Einerseits liegt das natürlich an der Doppelbelastung Arbeit/Studium und unerfreulichen Begegnungen mit kräftezehrenden Personen, aber auch an einem Artikel, an dem ich – mit Unterbrechungen – deutlich über drei Monate gearbeitet habe.

Autism Awareness Day/Month

Morgen ist der Autism Awareness Day. Der gesamte April ist ein „Autism Awareness Month“. Die Personen, die am Wenigsten mit dem Tag beziehungsweise dem Monat zu tun haben, sind Autisten…Morgen ist der Autism Awareness Day. Der gesamte April ist ein „Autism Awareness Month“. Die Personen, die am Wenigsten mit dem Tag beziehungsweise dem Monat zu… Continue reading

Landon Bryce zur üblichen Reaktion von Presse und Öffentlichkeit auf Übergriffe durch die Familie auf autistische Menschen

Sometimes I feel like I am running a page for rape survivors (and I am a rape survivor, by the way), and every time I post about a case in which a man has raped a women, half of the news story was some man talking about how he hopes this rape will make us more sympathetic to how hard things are for men in society and how he hopes this rape will bring attention to the socio-economic factors that are driving men to rape. And then, when I complain about that, a group of men come in to comment about how, no, being a man is really hard and we should, although we must never resort to rape, sympathize with the rapist and never dare to judge him!
Landon Bryce

Heute …

… verstand eine Kolumnistin nicht, wie es nur sein kann, dass es Autisten angreift, wenn sie ’sozialer Autismus‘ als abwertenden Begriff verwendet. (Um damit völlig unpassend einen Mann zu beschreiben,…… verstand eine Kolumnistin nicht, wie es nur sein kann, dass es Autisten angreift, wenn sie ’sozialer Autismus‘ als abwertenden Begriff verwendet. (Um damit völlig unpassend… Continue reading

Karneval

Karneval, Fastnach, Fasching, Fasnacht, Fasnet steht wieder vor der Tür.

Seit ich denken kann, habe ich zu diesem Fest ein eher gespaltenes Verhältnis.

In meiner frühesten Fastnachts-Erinnerung brachte mich meine Mutter zu einem großen Fastnachtskinderfest in unserem Dorf – mit Betreuung – und ließ mich dort.
Es war die Zeit von Winnetou und Old Shatterhand. Jeder Junge und sicherlich manche Mädchen hatten Pistolen oder Gewehre mit Knallplättchen. Und alle schossen durcheinander. Ständig. Die ganze Zeit.

Ich floh nach draussen und versteckte mich hinter einem Busch. Wo mich meine Mutter bei ihrer Rückkehr dann in Tränen aufgelöst vorfand.

Heute verbieten Kindergärten und Veranstaltungen für Kinder zunehmend alle Arten von Faschingswaffen.
Weil es nicht mehr ins gewaltfreie, pädagogische Konzept passt.

Ich bin einfach 40 Jahre zu früh geboren.

Facebook-Kahlschlag unter Autisten

Gestern sperrte Facebook viele Nutzer bei denen das Unternehmen davon ausging, dass sie keinen Realnamen benutzen würden oder diese wurden unter Druck gesetzt ihren Namen durch Scan des Personalausweises zu belegen.

Darunter befanden sich sehr viele Autisten oder Angehörige von Autisten aller Altersgruppen, die bei einem Outing Nachteile in Studium oder Beruf befürchen – oder die schlicht nicht wollen, dass jeder und die Klatschbase vom Eckhaus von ihren Autismus oder dem von Angehörigen erfährt.

Das bedeutet, seit gestern sind viele niedrigschwellige Informationsangebote die in Facebook aufgebaut wurden, für diese Personen nicht mehr nutzbar und Kontakte zu anderen Autisten oder Angehörigen blockiert.

Dabei behauptete Facebook erst jüngst, es habe etwas im Zusammenhang mit Aktivismus und dem Bedarf an Anonymität begriffen. Dem war wohl nicht so.

Wirklich ganz großartig gemacht, Facebook.

P.S. Bevor nun in den Kommentaren die ‚guten Tipps‘ eintrudeln wie ’selbst schuld wenn man Facebook nutzt‘ oder warum baut ihr euch nicht $obskure_technische_Insellösung auf, reflektiert bitte die Bedeutung von „niedrigschwellig„. Danke