Kommunikation

Etwa um 2005 herum, als wir vor nicht allzu langer Zeit nach Karlsruhe gezogen waren, suchte ich vor Ort nach einer Schreibgruppe. Ich wollte mich verbessern, was mir alleine vor dem heimischen Rechner nicht so recht gelingen wollte. Ich wollte Dritte, mit denen ich über das Schreiben reden und Texte durchgehen konnte.

Es ist heute nicht mehr so recht vorstellbar, aber 2005 war es noch nicht üblich, für kleine, offene Gruppen im Web oder sonstwie im Internet präsent zu sein. Dennoch fand ich nach langem Suchen schließlich zwei Gruppen. Eine klang nach älteren, ernsthaften Autoren im Belletristik-Bereich. Nicht so ganz meine Kragenweite. Die andere hatte in einem Forum oder einem Gästebuch gepostet, dass sie für neue Mitglieder offen waren und dort versammelten sich Genre-Autoren im Bereich Science Fiction und Fantasy. Also genau, was ich suchte.

Die Kommunikation lief über die E-Mailadresse des Organisators und nicht lange darauf, durfte ich zu meinem ersten Treffen dort erscheinen.

Die Gruppe war … nett. Aber ich merkte relativ schnell, dass auch damals schon, eine ziemliche Lücke klaffte, was das Handwerk betraf. Ich war noch weit davon entfernt, mich in irgendeiner Form professionell nennen zu können, aber ich hatte durch jahrelanges Rollenspielen in E-Mail- und Chat-Rollenspielen auch Übung. Vor allem das Erschaffen und Darstellen von Charakteren fiel mir nicht zu schwer und Dialoge gingen mir sehr flüssig von der Hand. Auf den Punkt, ohne mich dabei in leeren Phrasen zu verlaufen, wie jemand, der nicht weiss, was er sagen will.

Die Übungen, die der Organisator mit uns an diesem Abend machte, gingen mir leicht von der Hand. Meine Kreativität sprudelte. Mein, im schnellen Chatrollenspiel trainiertes Hirn lieferte knackige Sätze, klar umrissene Beschreibungen. Alles lief gut. Außer, dass sich die anderen Mitglieder der Gruppe schwer taten, sehr schwer. Dort trieften Beschreibungen wie zäher Teer von den Blättern und als der Organsator uns noch eine Dialogübung machen ließ, lief sie mit meinem zugeteilten Partner flüssig und witzig, während sie sich bei anderen Paaren inhaltslos im Kreis drehte.

Kurz, was ich an dem Abend noch nicht verstand: ich harmonierte nicht mit der Gruppe. Ich demotivierte den Rest, in dem ich so scheinbar mit Links alles aus dem Ärmel schüttelte, was ihnen schwer fiel. Es zeigte, was Talent und Training ausmachen.

Ich passte nicht in die Gruppe.

Allerdings wäre ich nicht ich, wenn ich es auch schon an diesem Abend bemerkt oder verstanden hätte. Stattdessen kehrte ich mit Hochgefühl, einen richtig guten Abend gehabt zu haben, an dem ich glänzen konnte, nach Hause zurück und freute mich auf das nächste Treffen.

Die Gruppe hatte kein Forum, keinen Slack, keinen Discord, nicht mal einen regelmässigen IRC-Channel, in dem  oder eine Mailingliste, über die Informationen ausgetauscht wurden. Alles lief über die E-Mail-Adresse des Organisators. Und die an mich laufenden Information … zerfaserten. Irgendwie kam, auch nach direkter Nachfrage, keine genaue Aussage, wann denn das nächste Treffen stattfinden würde. Aber ich kannte den regelmässigen Abstand der Treffen und so ging ich einfach zum nächsten Datum wieder zum Treffpunkt. Ich klingelte, obwohl das Gebäude erstaunlich dunkel schien, für das angesetzte Treffen. Der Organisator öffnete mir, in bequemen Klamotten und Puschen. Eindeutig auf einen Abend vorm TV eingestellt. Ich fragte irritiert nach. ob denn nicht das Schreibgruppentreffen wäre. Er meinte, es sei verlegt worden.

Die Information war nur nie bei mir angekommen.

Ich fragte, wann das nächste Treffen sein würde und bekam nur eine ungenaue, ausweichende Antwort. Ich bat ihn, mir den Termin des nächsten Treffens zu schicken und verließ den Ort. Verwirrt. Überfordert.

Man muss dazu wissen, dass mein augenscheinlich autistischens Nicht-Verstehen, meine Kommunikationsprobleme mir in der Vergangenheit besonders bei Terminen und Verabredungen richtig üble Probleme eingehandelt hatten. Aus diesem Grund, war ich dazu übergegangen, bei Absprachen lieber noch zwei oder dreimal nachzufragen, alleine schon um sicher zu gehen. Ich passte auf, wie ein Schießhund, damit mir nichts entging und ich nicht schon wieder wegen falsch verstandener Angaben in Schwierigkeiten kommen würde. Daher war ich mir sicher, dass ich alles und mehr getan hatte, um den tatsächlichen Termin des nächsten Treffens gesichert in Erfahrung zu bringen.

Die einzig plausible Erklärung: es war kurzfristig verlegt worden und man hatte mir nicht Bescheid gesagt. Obwohl ich als neustes Mitglied beim ersten Zusammentreffen mein deutliches Interesse zum Ausdruck gebracht hatte, regelmässig zu kommen.

Aber ich passte nicht in die Gruppe. Ich gab den Leuten kein gutes Gefühl. Und man hatte auch nicht den Mumm, mir direkt abzusagen. Also bekam ich einfach nur keine Informationen. Man ‚vergaß‘ es einfach.

Nach dem ‚verlegten Treffen‘ kehrte ich nach Hause zurück, setzte mich an den Rechner und formulierte gegenüber meinem besten Freund, dass, wenn so viel Kommunikation schief geht, dann kann es nicht nur an mir liegen. Dann hat die andere Seite spürbar kein Interesse daran, mit mir erfolgreich zu kommunizieren.

Es ist nicht weiter verwunderlich … es gab kein weiteres Treffen mit der Gruppe. Ich habe nicht mehr nachgefragt und man ließ mir die nächsten Termine auch nicht zukommen.

Damals schloß ich mit mir selbst einen Pakt: Wenn ich spüre, dass die Kommunikation scheitert, obwohl ich alles dafür tue, sie gelingen zu lassen, dann werte ich es als Signal. Dann werte ich es, dass die Gegenseite nicht erfolgreich und vollständig mit mir kommunizieren möchte. Entweder, weil sie mich im Nachteil sehen will, oder weil es ihr einfach nicht wichtig genug ist, den zusätzlichen Schritt zu gehen. Und dann, entschied ich, gehe ich sofort und verschwende keine weitere Zeit und Energie an derartige Menschen.

Damals schloß ich mit mir selbst einen Pakt: Wenn ich spüre, dass die Kommunikation scheitert, obwohl ich alles dafür tue, sie gelingen zu lassen, dann werte ich es, als Signal. Dann werte ich es, dass die Gegenseite nicht erfolgreich und vollständig mit mir kommunizieren möchte. Entweder, weil sie mich im Nachteil sehen will, oder weil es ihr einfach nicht wichtig genug ist, den zusätzlichen Schritt zu gehen. Und dann, entschied ich, gehe ich sofort und verschwende keine weitere Zeit und Energie an derartige Menschen.

Mit dieser Haltung bin ich bisher meist recht gut gefahren.

Bis vor nicht ganz zwei Jahren.

Damals habe ich mich in eine Freizeitaktivität begeben, die sich im Nachhinein als Fehler entpuppte.

Die Menschen waren nett, ohne Frage. Sie waren intelligent, witzig, talentiert, kreativ. Es kam zu vielen schönen Stunden.

Und doch … von Beginn an, lief irgendwas in der Kommunikation schief. Ich hatte es früh angesprochen, ohne, dass sich etwas geändert hätte. Das heißt, es hat sich schon etwas geändert. Je öfter, und deutlicher ich die Kommunikationsprobleme thematisierte, um so mehr wurde ich zum Problem.

Ich hätte gehen sollen, wie ich es mir selbst versprochen hatte. Doch da war auch über Jahre aufgebautes Vertrauen im Hintergrund, das mich bleiben – und darunter leiden – ließ.

Aber ich blieb. Und litt. War überfordert. Immer wieder wurde meine Wahrnehmung als unzutreffend dargestellt statt zu versuchen, mir ernsthaft und konsequent entgegen zu kommen.  Denn:

  • „eigentlich ist doch alles in Ordnung“
  • „das haben wir schon immer so gemacht“
  • „du hättest doch nur X wissen müssen“
  • „früher ging das bei dir doch auch“
  • „du siehst das  nur zu eng“
  • „du irrst dich, das ist gar nicht so“
  • „du siehst Verschwörungen“
  • „sowas passiert schon mal“
  • „sowas kann man nicht verhindern“
  • „wenn einem nicht gefällt, was man hört, hört man auch mal nicht so genau hin“
  • „du hast doch nur Angst verletzt zu werden“
  • „natürlich hören wir dir aufmerksam zu“
  • „niemand ignoriert dich“
  • „niemand verschweigt etwas“
  • „niemand vergisst etwas und wenn doch, war es ein Versehen“
  • „deine Behauptungen sind ungerecht“
  • „wir können doch nicht wissen, wieso das für dich so wichtig ist und wieso“
  • „du bist so aggressiv“
  • „es ist ja keine Absicht“

Aber auch etwas, das keine Absicht ist, wird ab einem Punkt, ab dem man es immer wieder geschehen lässt, ohne zu versuchen, das Problem zu beheben, zu Absicht durch Ignoranz.

Wenn ich das nächste Mal merke, dass mich Informationen, dass mich Kommunikation, nicht erreicht, werde ich gehen und die damit verbundenen Menschen hinter mir lassen. Und das nicht erst nach zwei Jahren.

Wenn Kommunikation schief läuft und eine Seite alles dafür tut, dass sie gelingen kann, dann liegt es nicht an dieser Seite alleine. Dann liegt es auch nicht an Autismus. Dann liegt es daran, dass die andere Seite, nicht den Willen hat oder nicht den Sinn darin sieht, die Kommunikation gelingen zu lassen.

Wenn Kommunikation mit Autisten scheitert, liegt es oft nicht an den Autisten, die sich teils ein Bein ausreißen, um zu verstehen und verstanden zu werden. Dann liegt es daran, das die Gegenseite nicht mal die Hälfte der Energie investiert, die nötig wäre, um Kommunikation mit einem Nichtautisten gelingen zu lassen – ganz zu schweigen, mit einem Autisten.

Wenn ich das nächste Mal merke, dass mich Informationen, dass mich Kommunikation, nicht erreicht, werde ich gehen und die damit verbundenen Menschen hinter mir lassen. Und das nicht erst nach zwei Jahren.

 

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