Die Eskalationsstufen einer typischen „Witze über Randgruppen“-Diskussion

Zwei Typen von Menschen, machen regelmässig Witze über Randgruppen: minder-talentierte Comedians und all jene, deren emotionale Intelligenz den Schulhof der siebten Klassenstufe nie verlassen hat. Haben sie sich damit früher nur vor dem jeweiligen Publikum oder den direkt umstehenden Personen zum Affen gemacht, läuft es in Zeiten des Internets ein wenig anders. Mitglieder von Randgruppen, die Google Alerts oder die Twittersuche nutzen, um aktuelle Informationen zu ihrem Thema zu verfolgen, bekommen auch derart geistigen Dünnpfiff in die Suche gespült.

 

An guten Tagen hebt man als Mitglied einer solchen Randgruppe vielleicht nur den geistigen Mittelfinger, an schlechten Tagen jedoch, fühlt man sich genötigt den Verursachern zu sagen, was man von ihrem ‚Humor‘ hält. Sofern eine Unterhaltung zustande kommt, durchläuft sie fast immer die folgenden Eskalationsstufen:

Stufe 1 – Mir doch egal

Der Urheber fühlt sich im Recht und macht sich über die Kritik (und meist auch den Kritiker) lustig.

Stufe 2 – Du kannst mir gar nix

Die „mir ist voll egal, was du von mir hältst“-Stufe.

Stufe 3 – Hab mich lieb

Die „warum magst du mich jetzt nicht mehr?“-Stufe. Der Urheber stellt fest, dass es ihm wohl doch nicht so egal ist, was andere von ihm halten. Er versucht zu überzeugen, dass es doch wirklich alles nicht so schlimm/nicht so gemeint war.

Stufe 4 – Mißverstanden

Die „missverstandenes Genie“-Stufe. Der Urheber erklärt, dass man ja nur nicht in der Lage wäre, seinen Humor oder seine tiefgründig-doppeldeutige Argumentation zu verstehen.

Stufe 4 (a) – Ich bin hier das Opfer

Stufe 4 (a) taucht machmal alternativ zu Stufe 4 auf, geht ihr voraus oder folgt auf diese.

Die Taktiken, die man als Kind anwandte, wenn man gerade mit beiden Händen in der Keksdose erwischt wurde, werden von manchen nahtlos ins Erwachsenenleben übernommen. Wenn man auf frischer Tat dabei erwischt wurde, eine Randgruppe zu diskriminieren oder zu beleidigen, wo man sich doch eben noch für einen aufgeklärten, kultivierten Menschen hielt, dann sind, ganz klar, die anderen schuld.

Dann wird das Gegenüber nicht mehr als Mensch wahrgenommen, dem unter einem Wust tagtäglicher Beleidigungen, Witzchen und Vorurteilen die Nerven gerissen sind, die ihnen ins Bewusstsein gespült werden, sobald sie sich Online mit ihren Themen beschäftigen. Nein, da wird eine ‚Privatpolizei‘ vermutet, die das Internet systematisch nach Verstößen gegen die Political Correctness durchkämmt und dabei arglose Menschen belästigt die nur aus Versehen, zufällig und ohne jede böse Absicht Witze über die Randgruppe rissen oder deren Existenz als Beleidigung für andere nutzten.  Jeder Einzelne ein bedauerlicher Zufall, unschuldig ans Licht gezerrt durch marodierende Randgruppen-Horden, die sonst nichts besseres zu tun haben.

Sie fühlen sich an die Wand gestellt, weil sie ‚einmal‘ einen ‚unglücklichen‘ Ausdruck verwendet haben. Massenhaft.

Stufe 5 – Mimimi

Die „Mamaaa! Die sind gemein zu mir“-Stufe. Hier wird der Freundeskreis mobilisiert. Der tröstet gleichzeitig das missverstandene Genie und bestätigt es darin nur ein missverstandenes Genie zu sein, und erklärt den anderen, dass es das missverstandene Genie ja ganz anders gemeint hätte.

Hier greift der Freundeskreis auch gerne auf Stufe 4 zurück.

Stufe 6 – Die Wagenburg

Findet die Randgruppe den Witz, den Urheber und in der Folge auch dessen gesamte Peergroup anhaltend doof, zieht man sich in die kuschelige Ecke der selbsternannt coolen Kids auf dem Schulhof der siebten Klassenstufe zurück und erklärt sich gegenseitig, dass Randgruppe ja selbst schuld ist, wenn sie es wagt sich in der Öffentlichkeit zu erkennen zu geben. Man habe auf die Merkmale der Randgruppe gefälligst nicht stolz zu sein, nähme sich sowieso zu wichtig und suche nur Aufmerksamkeit.

Und überhaupt: Alle doof, außer Mami.

Stufe 7 – Das Kuckucksnest

Auf diese Stufe begeben sich glücklicherweise nur wenige, denn aus ihr gibt es scheinbar kein Zurück. Wer sie erreicht, stuft seine emotionale Intelligenz freiwillig auf den Schulhof der dritten Klassenstufe zurück.

Der Urheber oder Personen seiner Peergroup suchen sich die Randgruppe nun als Hauptinhalt seines Lebens aus, bemüht sich täglich sich über sie lustig zu machen. Sie lesen Twitter-Streams von Menschen, die sie nicht mögen und von denen sie nicht gemocht werden. Sie passen ihre Twitter-Bio an, bauen Blogs oder Tumblr-Accounts auf und reden eigentlich nur noch darüber, wie doof sie die Randgruppe finden.

Regelmässig fallen sie dabei auch auf Stufe 3 zurück, denn sie regen sich auch noch nach Monaten darüber auf, dass Mitglieder der Randgruppe sie geblockt haben, und weder ihre Bemühungen sie zu beleidigen mitbekommen, noch sie endlich wieder lieb haben.

5 Comments Die Eskalationsstufen einer typischen „Witze über Randgruppen“-Diskussion

  1. Pingback: @Haha_vonWegen

  2. Pingback: @Semilocon

  3. Pingback: Markierungen 12/29/2014 - Snippets

  4. Pingback: Froschs Blog: » Im Netz aufgefischt #194

  5. Günter

    Noch besser sind nur noch jene Gruppen, die meinen einer Verschwörung auf der Spur zu sein. Wenn jemand z. B. daran glaubt, dass Chemtrails Autismus verursachen, wird er u. U. Widerspruch in seine „Theorie“ einfach integrieren. Man selber ist dann entweder „Schlafschaf“, oder einer von denen. Ähnliches gilt für MMS-Jünger. Der einzige Vorteil, den Sie evtl. haben ist, dass Autisten selbst nicht als Teil der Verschwörung gesehen werden, womit das Auftreten gegen Witze evtl. etwas leichter ist, als mit Rassisten, Homophoben und Antisemiten zu diskutieren. Nebenbei bemerkt: In welcher Phase kommt bei diesen Gruppen meist das „Argument“, der „Meinunsfreiheit“?

    Reply

Kommentar verfassen