Warum ich dann doch kein Mensa-Mitglied wurde

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Ein Thread, über meine Nicht-Geschichte mit Mensa.

Mensa. Ein kurzer Thread, weil ich grade an meine „nicht Mensa-Geschichte“ denken musste, nach etwas lästern* über eine Person, die mit ihrem IQ von 130+ rumwedelt und damit ihre geistige Überlegenheit zu begründen suchte.

*ja, ich weiss, nicht okay. Auch ich bin schwach.

Seit der 4. Klasse wusste ich, dass ich ’schlauer‘ bin als der Durchschnitt. Eine Art IQ-Test gehörte Mitte der 4. Klasse dazu, um die Empfehlungen für die weiterführende Schule zu bekommen. Mir wurde anschließend gesagt, ich hätte weit vor dem Rest der Klasse abgeschnitten.

Ich wusste nicht wie weit und habe auch nie eine Zahl erfahren. Nur dies ‚weit vor dem Rest der Klasse‘ abgeschnitten und diese fassungslose Erstaunen, das ich aus den Worten meines Klassenlehrers entnahm. Damit hatte er nicht gerechnet.

Ich denke, ich war für die Lehrer schwer zu fassen. Auf der einen Seite schrieb ich in einigen Fächern geradezu mühelos und wiederkehrend Einser. Auf der anderen Seite konnte ich keine zwei Wörter richtig schreiben und schrieb furchtbare Noten in Mathematik.

Nicht, weil ich Mathematik prinzipiell nicht verstanden hätte (das kam erst später und sollte sich dann auch nicht als unbehebbar erweisen), sondern weil mein Hirn nach der zweiten gleichförmigen Rechnung einfach auf Bildschirmschoner schaltete.

Meine Klassenkameraden hielten mich dagegen (und aus ihrer Sicht wahrscheinlich sogar zurecht) für ein bisschen doof. Ich verstand sie nicht und das manchmal im wahrsten Sinne des Wortes.

Was das mit der Psyche eines Kindes macht … nun, stellt es euch vor.

Als jedenfalls zum ersten Mal in meinem Leben die Bestätigung kam, dass ich mitnichten doof war, sondern vermutlich eher das Gegenteil … es war als hätte ich den Mount Everest abgeworfen.

Natürlich änderte das weder meine Probleme – es machte mich nicht weniger autistisch, aufmerksamkeitsgestört oder legasthen – noch, wie mich die Umwelt sah.

Aber es schützte mich zumindest erst Mal vor einer Schule, auf der ich mit Sicherheit zerbrochen wäre.

Little Blessings.

Der zweite IQ-Test folgte im Alter von 12 Jahren, als meine Probleme zum ersten Mal so weit eskalierten, dass man sie nicht mehr ignorieren konnte.

Erneut kam das Ergebnis ich sei sehr intelligent.

Diesmal aber mit dem Hinweis, dass man mir (deswegen) nicht helfen könne. Ich hatte ja nichts. Ich war ja schlau. Also muss ich mich wohl aus Absicht bei allem blöd anstellen. ¯\_(ツ)_/¯


Ihr findet diese Geschichte von @Fuchskind wunderbar visuell umgesetzt im 3. Band des Schattenspringers im Kapitel „Melanie“.


Ein Wunsch der zunehmend in mir wuchs, war es allen ‚zu zeigen‘. Zu beweisen, dass ich nicht so doof war, wie alle immer behaupteten. Oder nicht so bösartig, faul, etc etc.
Einsetze beliebige abwertende Begriffe für schwierige Kinder.

Und irgendwann erfuhr ich auch von Mensa. Eine Organisation von schlauen Menschen. Eine Organisation, und wenn man dort Mitglied ist, beweist man der Außenwelt quasi eindeutig, dass man schlau ist. Dann müsse es alle glauben. Weil man ist ja bei Mensa. 😉

Es war also lange, lange Zeit mein Wunsch, Mitglied bei Mensa zu werden. Um es allen ‚zu zeigen‘.

Blöd nur: auch vom zweiten IQ-Test hatte ich keine Zahl und keinen Beleg. Nur eine wegwerfende Aussage des Psychologen.

Man konnte auch den IQ-Test bei Mensa selbst machen, das wusste ich. Aber man hörte auch, der sollte furchtbar schwer sein. Weil es ja eine exklusive Gemeinschaft ist.

Also was, wenn ich dort teilnehmen würde und müsste dann feststellen, dass ich doch nicht so schlau wäre?

Wenn die ersten zwei Tests nur ein Ausreißer gewesen wären. Ein Zufall. Oder ich als Kind einfach viel schlauer war, als dann als Erwachsene. Außerdem kostete er noch Geld. Viel Geld für mich.

Als ich 2 Jahre nach meiner Autismusdiagnose eine Therapeutin fand, von der ich mir viel versprach, (und sie enttäuschte mich nicht) schlug sie vor einen weiteren IQ-Test zu machen.

Sie kannte meine informelle Aussage der zwei vorherigen Tests und sie hatte mich in ihren übervollen Kalender reingeschoben, weil sie die Kombination Autismus, ADHS, Legasthenie & Hochbegabung interessant fand.

Der Test war … ich habe IQ-Tests immer gemocht. Weil ich sie spannend fand. Ich fühlte mich von ihnen angeregt und auf gute Art gefordert.

Dieser hatte seine Slapstick-Momente, denn es war kein kulturell- oder wissensunabhängiger Test.

Und anscheinend forderte der Test auf die Frage, wie sich Hefe vermehrt, die Antwort „Wärme“. Ich weigerte mich standhaft mit Wärme zu antworten und diskutierte unter Zeitdruck mit der Therapeutin, dass „Zucker“ (bzw. Kohlenhydrate) die richtige Antwort wäre.

Erwarte NIE von einem Autisten, dass er zu seinem Vorteil eine falsche Antwort gibt. 😉

Jedenfalls trotz dieser Diskussion und einem Konzentrations-Totalausfall im Bereich Kopfrechnen landete ich mühelos im Bereich 130+.

Ich hatte also, zum 3. Mal, die Bestätigung: nicht doof.

Mein Verlangen, es dann jetzt endlich allen ‚zu zeigen‘ war immer noch vorhanden.

Meine Autismusdiagnose war nicht allen in meinem Umfeld so gut runtergegangen. Ich hätte ja nur nach einer Ausrede für mein Scheitern gesucht.

Eine Mitgliedschaft bei Mensa wäre also ein Zeichen nach außen gewesen: Seht her, ich bin nicht doof, nicht faul, ich habe wirklich Probleme.

Und ein dickes: Nehmt mich endlich ernst.

Ich bin dann dennoch nicht Mitglied geworden. Obwohl ich in mancher seelisch dunklen Nacht Mensa-Seiten gebrowst und mich daran festgehalten habe, dass ich nicht doof bin. Und dort jederzeit Mitglied werden könnte.

Ich hatte an einem Punkt, meine „Hood“ gefunden. Als ich auf die Geek-, Nerd-, Computerszene gestossen war. Ich hatte mich noch unter keinen anderen Menschen so angenommen, so zugehörig und so verstanden gefühlt.

Die Selbstzweifel, auch der Selbsthass, die blieben erst mal meine Begleiter. Aber mit dem 3. IQ-Test war es auf einmal auch nicht mehr so dringend.
Ich hatte jetzt erneut die Bestätigung erhalten, dass ich nicht doof war. Das beruhigte. Versöhnte.

Der Wunsch Mitglied bei Mensa zu werden wurde schwächer. Ganz weg ging er nicht. Es reichte aber nicht, um tatsächlich auch aktiv zu werden. Es begann zunehmen auszureichen, dass ich Klarheit hatte.

Bis zu einer Veranstaltung einer Karlsruher Initiative, die sich sehr nerdig gab ohne je auch nur in die Nähe von Nerdig-Sein zu kommen. Ich wurde von anderen Karlsruhern angestubst, ob ich nicht hingehen wolle. Damit wenigstens ein Nerd dort war.

Die Veranstaltung war … mhja.
Es lagen glaslose Plastik-Nerd-Brillen aus, die von ein paar der, wohl vom Veranstalter engagierten, durchweg un-nerdigen Studenten getragen wurden.

(Man versuchte Karlsruhe den Anschein einer Nerd-Stadt zu geben. Nur machte man lieber sein eigenes Ding, statt mit ‚Schmuddelkindern‘ wie @entropiagpn zusammenzuarbeiten. Oder vielleicht hatte man sogar dort mal angeklopft und Entropia sagte „hahaha, nein“.

Aber ich glaube ganz ehrlich, die Leute hinter der Initiative hatten nicht die leiseste Ahnung, was „Nerd-Sein“ wirklich bedeutet oder wo sie auch nur anfangen sollten, nach Nerds zu suchen.)

Gut, zwar hatte mich dieses Nerd-Darstellertum gleich mal auf dem falschen Fuß erwischt und ich war eher angefressen, aber dann kam ich mit einer Veranstalterin in ein doch an sich erst mal nettes Gespräch.

Als sie erfuhr, dass ich hochbegabt sei, wurde ich direkt umworben. Ob ich nicht Mitglied bei Mensa werden wolle. Ich sagte, ja, ich hätte schon öfter darüber nachgedacht.
Sie lud mich auch zu einem „Tag der offenen Tür“ der örtlichen Mensa-Gliederung ein.

Der fand eine Woche oder zwei Wochen darauf statt.

Das Gespräch lief gut, bis ich nachfragte, ob sie, als jemand der Hochbegabte coachte, auch mit Autisten Erfahrung hätte und dabei meine eigene Diagnose erwähnte.

Die Reaktion werde ich mein Leben nicht vergessen. Sie rückte – physisch – von mir ab und sprach davon, dass Autisten ja ’schwer pathologisch seien‘.

Ich bin dann nicht mehr lange geblieben.

Zu dem Tag der offenen Tür bin ich dann dennoch gegangen. Es würde ja noch mehr Leute dort geben, als diese Dame.

Aber was soll ich sagen: Ich fühlte mich eben genau nicht in ‚meiner Hood‘.

Die Atmosphäre war nicht die, die ich vom Chaos Congress kannte, von Relay Parties oder ähnlichen Veranstaltungen. Bei denen ich immer das Gefühl hatte, unter vielen extrem schlauen Menschen zu sein, ohne dass jemand (zu sehr) heraushängen lassen würde, schlau zu sein.

Eine Szene, die sich beständig gegenseitig inspirierte, wo Ideen brodelten, Ziele verfolgt und Dinge angepackt wurden. Eine Szene die offen war, bunt, laut …

Die Mensa-Veranstaltung fühlte sich dagegen muffig an, leblos.

Dennoch gab es ein paar interessante Vorträge.

Aber meine Mensa-Wünsche fanden auch an diesem Tag ihr Ende.

Nicht, dass irgendjemand besonders gemein gewesen wäre …
Abgesehen davon, dass ich mich einfach nicht in dem gleichen Maße willkommen fühlte, wie in all things nerd, gab es dann nur noch eine Kleinigkeit.

Einer der Vortragenden erklärte uns am Ende, warum wir in seinen Vortrag gekommen wären. Um ins Filmbusiness zu kommen, nämlich.
(Er war Script Doctor.)
Sein Vortrag behandelte das Drei-Akt-Modell und ich hatte genau darüber mehr lernen wollen.

Diese kleine, belanglose Unterstellung steckte dann den Korken dorthin, wo mal etwas Sympathie für Mensa hatte aus mir heraussuppen können.

Therapie und schlicht Zeit, waren dann deutlich bessere Helfer, mit mir selbst ins Reine zu kommen, als „es allen zu zeigen“.

FIN.

(Okay, „kurz“ *hust*)

Originally tweeted by Mela Eckenfels (@Felicea) on 9. September 2021.

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