Unsinn und Unsitte von Funktionslabeln

Viele Autisten wehren sich gegen Funktionslabel. Die Rede ist von ‚schwerem‚ Autismus und ‚leichtem‚ Autismus.

Zum einen beinhalten diese Label oft auch eine Wertung. Denn während die einen noch von ’schwerem Autismus‘ reden, reden manche Fachleute schon von ‚worse than death condition‘. Also einem Zustand, der ihrer Meinung nach schlimmer als der Tod sein solle.

Solche Label sind zudem durch die Aussensicht geprägt. Autisten selbst haben recht wenig dabei mitzureden, ob sie nun der Ansicht sind, ihre persönliche Ausprägung von Autismus schränke ihre persönliche Lebensqualität nun sehr, ein bisschen oder wenig ein. Denn möglicherweise schätzen Autisten, die in der Lage sind ganz ‚dicht‘ zu machen, ihre Lebensqualität sogar höher ein, als jene, die nach aussen hin erst einmal normal erscheinen und von denen alle Welt deswegen auch normale Leistungen erwartet.

Feste Kriterien nach denen Funktionslabel vergeben werden, gibt es zudem nicht. Fachleute, Eltern, Angehörige und die gesamte Umwelt vergeben sie nach vorgeblich objektiven Maßstäben, wie spricht/spricht nicht, IQ unterhalb des Normbereichs/IQ im oder über dem Normbereich oder pflegebedürftig/nicht pflegebedürftig.

Diese Kriterien sind nur anscheinend objektiv, denn, wie bereits erwähnt, befinden sich Autisten nicht in einer Entwicklungsstasis, sondern ihre Geschichte ist von manchmal rasanten Fortschritten oder auch Rückschritten geprägt.

Auch verstellen die Label den Blick auf die Bedeutung des Umfelds. Ein günstiges, verständnisvolles Umfeld kann möglicherweise für rasante Fortschritte sorgen. Oder in einem verständnisvollen Umfeld kann ein Autist mit sehr ausgeprägten Symptomen enorme Erfolge erzielen, während ein Autist mit nur schwach ausgeprägter Symptomatik auf der Strecke bleibt, weil er weder vom Elternhaus, noch der Schule oder anderen Personen Unterstützung erhält.

Und vor allem: zu oft sagen die Label in Wirklichkeit aus, wie hoch (oder niedrig) die Gesellschaft den Wert der gelabelten Person einschätzt.

Wie sinnlos, ja gar völlig hirnverbrannt, die Funktionslabel sein können, beweist der Focus. Unfreiwillig.

Der Focus schreibt:

Die Teenagerin aus Cornwall hatte eine Phobie vor Toiletten und hat deswegen ihren Stuhl oft bis zu zwei Monate zurückgehalten, wie der britische „Independent“ online berichtet.

Das hatte zuletzt dazu geführt, dass die Organe verschoben waren und ihr Brustkorb verengt. Eine Untersuchung in Turo, Cornwall, ergab nun, dass Emilys Leben hätte gerettet werden können. Doch sie habe medizinische Behandlung verweigert. Das Mädchen litt unter einer leichten Form von Autismus.
Focus 04. Juli 2015

Angst- und Panikstörungen sind oft Folge- oder Begleiterkrankungen von Autismus, die sich oft auch dann manifestieren, wenn die Situation in der der Autist oder die Autistin lebt eher suboptimal ist. Ein gestärtes Verhältnis zu den Vorgängen des eigenen Körpers kann durch die Autismus-spezifische Sensorik entstehen. Sehr oft ist auch das Schmerzempfinden verändert, nicht selten stark herabgesetzt. Jeder Nicht-Autist hätte vermutlich bereits nach wenigen Tagen vor Schmerz nicht mehr aufrecht stehen können, ganz zu schweigen, dass er es hätte bis zu Organdeformationen kommen lassen können, selbst wenn er gewollt hätte.

Man kann also, denke ich, durchaus sagen, dass das Mädchen starb, weil sie Autistin war.

Sie ist tot. Ein Leben ausgelöscht. Wer hat also den schwereren Autismus? Eine Autistin die nicht spricht oder eine Autistin, die nicht mehr lebt, weil sie Autistin war.

Funktionslabel ergeben schlicht keinen Sinn, aber sei werten Leben. Bitte versucht sie zu vermeiden.

5 Comments Unsinn und Unsitte von Funktionslabeln

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  3. Christoph

    Ich habe leider nicht genug Daumen, die ich für diesen Artikel nach oben zeigen könnte. Du sprichst mir voll aus dem Herzen. Ein sehr gutes Beispiel dazu: Bewertungsrahmen des Landesamtes für (un)Soziales… Es ist ganz egal, was Fachärzte und Therapeuten schreiben. Es zählt am Ende doch nur der Bewertungsrahmen. Und man ist schnell dabei, sich geschlagen zu geben. Danke für die Aufklärungsarbeit, die Du leistest.

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