Von richtig schlechten Ratschlägen: Mit einem Kind wird alles anders.

Es kommt nicht so wahnsinnig oft vor, dass ich detaillierter aus der Zeit zwischen ~18 und meiner Diagnose mit Anfang 30 berichte. Abgesehen von der zusammenfassenden Aussage, dass es eine problematische Zeit war. Probleme, die mich bereits seit meiner Jugend begleiteten, wuchsen mir nur deswegen nicht sofort über den Kopf, weil ich mich mehrere jahrelang ausserhalb der normalen Gesellschaft bewegte. Als ich versuchte in der normalen Gesellschaft Fuß zu fassen, taten sie es im Handumdrehen.

Seit etwa meinem 14 Lebensjahr versuchte ich irgendwo Hilfe zu finden. Irgendjemand der mich verstand oder wenigstens zuhörte. Da dazu normalerweise ‚mit Fremden sprechen‘ notwenig war, musste der innere Druck schon extrem hoch werden, bevor ich einen solchen Versuch übernahm und über die Jahre kamen dann doch einige Kontakte mit Kriseninterventionsstellen, Psychiatern, Psychologen und sozialpsychologischen Diensten zusammen. Zuhören und mir nicht gleich standardisierte Lösungesvorschläge überstülpen war üblicherweise zu viel verlangt. Aber davon ab, war ich wohl auch gar nicht in der Lage auch nur annähernd zu erfassen was eigentlich mit mir los war und konnte es folglich erst recht nicht in Worte fassen.

Unter den Lösungen, die mit immer vorschnell und nach spätestens einer halben Stunde vorgeschlagen wurden, gab es ein Muster, nachdem ich die Volljährigkeit erreicht hatte.

„Wenn sie eigene Kinder bekommen, dann ändert sich das.“

Menschen, die mir diesen Rat gaben, kannten mich im Allgemeinen nur extrem oberflächlich. Sie hatten meist nicht mehr als eine Viertelstunde meiner, unbeholfen vorgebrachten, Sorgen und Nöte angehört. Doch diese Zeit reichte bereits, um sie als reine, oberflächliche Befindlichkeitsprobleme einer jungen Frau abzutun, die ihr Leben nicht im Griff hat. Als Ursache scheinen sämtliche Ratgeber wohl schlicht fehlende Disziplin oder mangelndes ‚Hintern hochbekommen‘ angenommen zu haben. Anders kann ich mir wirklich nicht erklären, wie man einem überforderten Menschen überhaupt anraten kann, sich doch noch ein bisschen mehr zu überfordern.

Auch heute, über 10 Jahre später, nach Diagnose, Therapie und unterstützt mit Medikamenten, bekomme ich mein Leben nur unter großen Anstrengungen mehr schlecht als recht, und mit eher mässigem Gesamtergebnis auf die Reihe. Ich schaffe es im Allgemeinen nicht einmal, eine Zimmerpflanze länger als wenige Wochen am Leben zu erhalten. In der Zeit vor der Diagnose warf ich regelmässig all meine Kraft in den Versuch mein Leben _jetzt_ endlich_ auf die Reihe zu bekommen, war nach spätestens ein, bis zwei Jahren mit meiner Kraft soweit am Ende, dass ich medizinische Hilfe brauchte um mich wieder auf die Beine zu stellen. Um mich dann wieder mit voller Kraft in den Versuch zu werfen, _jetzt _endlich_ mein Leben auf die Reihe zu bringen und mich damit in die nächstes Runde des Kreislaufs zu begeben.

Ein Kind mag Menschen einen Schubs geben, die in Unentschlossenheit dahindümpeln. Das war bei mir nicht der Fall. Um das herauszufinden, hätte man mir auch nur mal zuhören müssen, anstatt mich, nach kurzer Zeit, mit Plattitüden und Lösungsvorschlägen abzufertigen, die gar nicht zu meinen Problemen passten.

Was scheinbar vielen Menschen, die in seelsorgerischen oder psychologischen Berufen tätig sind, nicht bewusst ist: die ganzen vernachlässigten und misshandelten Kinder kommen irgendwo her. Und das wohl eher selten aus Familien, die sich erwachsen und im vollen Bewusstsein der Verantwortung die sie eingehen, für ein oder mehrere Kinder entscheiden.

Diese entstehen, wenn Menschen Kinder bekommen, weil man Kinder eben bekommt oder die sich von einem Kind etwas versprechen, dass ihnen das Leben bisher nicht geben konnte.

Wieviele der Frauen, die irgendwann vor einem Gericht stehen, weil ihre Kinder halb verhungert sind, weil sie sie alleine gelassen oder geschlagen haben, bekamen an irgendeinem Punkt ihres Lebens eingetrichtert, dass mit einem eigenen Kind alles ganz anders werden würde?

Klar wird mit einem Kind alles anders. Aber man bekommt nicht auf einmal mehr Energie, eine komplett neue Neurochemie und auch nicht mehr Unterstützung durch die Gesellschaft. Hinterher hört man dann die Vorwürfe: „Warum hast du in deiner Situation überhaupt Kinder bekommen?“ Aber vorher wird „mit einem eigenen Kind wird alles ganz anders“ ernsthaft als therapeutische Maßnahme gehandelt?

Ich kann nur an alle Menschen in seelsorgerischen, medizinischen, sozialpädagogischen und psychologischen Berufen appellieren: streicht den Vorschlag, junge Frauen die ihr Leben nicht auf die Reihe bringen sollten doch einfach Kinder bekommen, aus eurem Sprachschatz. Auch wenn ihr im Normalfall wohl nie erfahrt, was aus den Frauen, denen ihr einen solchen Rat mitgegeben habt, geworden ist (oder gar ihren Kindern) was bringt euch auf den Gedanken, dass es gut gegangen sein könnte? Das zu glauben, dazu gibt es keinen Anlass.

7 Comments Von richtig schlechten Ratschlägen: Mit einem Kind wird alles anders.

  1. Daniel Rehbein

    Als in den 1980er-Jahren die rechtsextreme Partei „Die Republikaner“ unter Franz Schönhuber in die Parlamente einzuziehen drohte, hatte der „Stern“ eine Journalistin dort eingeschleust und entsprechend intensiv über diese Partei berichtet.

    In dieser Berichterstattung wurde z.B. thematisiert, daß in der Mitgliederschaft der „Republikaner“ überdurchschnittlich viele Polizisten vertreten sind. Dies wurde damit erklärt, daß diese Partei sehr knapp argumentiert, daß sie aus Sachverhalten (meist aus dem Bereich des Ausländerrechts) kurze und vermeintliche naheliegende (im Gegensatz zu: tiefgründige und fundierte) Schlüsse zieht, und daß das genau zu der Ausbildung von Polizisten passt, die darauf trainiert werden, Situationen möglichst schnell zu beurteilen, schnelle Schlüsse zu ziehen und damit handlungsfähig zu sein. Ein Polizist wird zu einem Einsatz gerufen (z.B. zu einem Verkehrsunfall, zu häuslicher Gewalt, zu einer Schlägerei), und dort muß er direkt handeln. Was dort tatsächlich unter Abwägung aller Argumente, vorausgegangener Sachverhalte, Schriftverkehre etc. richtig und was falsch ist, das können ggf. im Nachgang Gerichte klären.

    Das ist zwar schon lange her, aber es ist bei mir im Gedächtnis geblieben: Polizisten werden darauf trainiert, nicht erst lange nachzudenken, sondern schnelle Schlußfolgerungen zu ziehen und danach zu handeln.

    Nun lese ich in diesem Blogpost über Psychologen „Sie hatten meist nicht mehr als eine Viertelstunde meiner, unbeholfen vorgebrachten, Sorgen und Nöte angehört“. Kann es sein, daß die Sache mit den schnellen Schlußfolgerungen nicht nur für Polizisten, sondern ganz generell für Berufe gilt, in denen Menschen immer wieder mit unterschiedlichen Klienten in Kontakt kommen, diese einschätzen müssen, und ihnen einen Rat oder irgendwelche Weisungen geben müssen?

    Ein mit der Krankenkasse oder dem Schulträger abrechnender Psychologie macht wahrscheinlich Fließbandarbeit. Er hat weder die Zeit noch das Budget, um sich lange in einen einzelnen Klienten hineinzudenken. Wenn er nach wenigen Sätzen sich seine Meinung gebildet hat, er dadurch einen (seiner Meinung nach richtigen) rat erteilen kann, ist der Fall für ihn erledigt.

    Das würde es erklären. Aber es ist eine deprimierende Erklärung, weil sie keine Aussicht enthält darauf, daß diese Situation sich (und sei es nur für zukünftige Generationen) ändert. Und im Gegensatz zu den als Analogie herangezogenen Polizisten fehlt bei Psychologen die Judikative, an die man sich wenden kann, wenn man sich von der Exekutiven falsch behandelt fühlt.

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  3. Ishtar

    Randbemerkung: es käme wohl kaum jemand auf die Idee, diesen Vorschlag einem Mann zu unterbreiten (die ja aufgrund von Geschlechterrollen ohnehin meist noch mehr Probleme haben, sich auf Hilfe einzulassen). Da geht niemand davon aus, dass sich durch Vatersein schon alles selbst finden wird… Und diese Form von Sexismus lässt sich auch nicht durch „Fliessbandarbeit“ der Psychiater /Psychologen erklären.

    Generell kann man sich fragen, warum es wünschenswert / gesellschaftlich gewollt ist, Menschen, die dazu weder sozial noch finanziell in der Lage sind, Elternschaft aufzuzwingen (Verhütungserschwerung, „Pille danach wie Smarties“ etc,) Die Ideologie des „Kinder um jeden Preis“ (die im übrigen aber nicht für Immigrantenkinder gilt) scheint doch noch tief verankert…

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    1. Daniel Rehbein

      Doch. Männern wird genau derselbe Ratschlag unterbreitet. Lediglich die Formulierung ist leicht abgeändert. Während bei Frauen die Wortwahl „Kinder bekommen“ benutzt wird, heißt das bei Männern „Familie gründen“. Mit beiden Formulierungen ist exakt derselbe Sachverhalt gemeint.

      Und ja, es wird auch bei Männern davon ausgegangen, daß sich durch das Sorgen für eine Familie schon alles wie von selbst finden wird.

      Es besteht wohl ganz generell die Vorstellung, daß der Lebensweg des erwachsenen Menschen einer bestimmten Norm entsprechen soll. Und diese Norm heißt „Familie mit Kind“. Menschen, die entsprechend normiert leben, gehen wohl davon aus, daß andere Menschen lediglich dazu gebracht werden müssen, dieser Norm zu entsprechen, um fortan sorgenfrei glücklich durchs Leben zu schweben.

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