Scare Tactics

Hört man der Volksmeinung zu, so gibt es derzeitig zwei Definitionsarten von Autismus. Die einen sagen, die Autismusdefinition in den Diagnosehandbüchern erklärt nur eine Spielart normalen menschlichen Verhaltens zu einer Krankheit. Solange Autisten nicht sabbernd in der Ecke stehen und noch auf allen Vieren kriechen können, sollte man dem einfach kein Label ankleben. Die anderen malen ein Bild von Autisten dass diese eben genau als schreiende und sabbernde Idioten zeigt, deren Existenz keinen Sinn und Zweck im Leben hat und denen man helfen muß. Und beim Helfen darf nicht gekleckert werden, nein, da wird aus allen Rohren geschossen.
Beide Darstellungsweisen sind weder hilfreich noch zutreffend, sind aber geeignet jede Menge Schaden anzurichten.

Denn Autismus bedeutet nun einmal nicht wirklich nur eine Spielart. Autismus ist ein grundlegendes anders-erleben, anders-empfinden und anders-kommunizieren, dass tag-täglich für Probleme und Mißverständnisse im Umgang mit Menschen sorgt. Man kann (und muß) lernen mit Autismus zu leben – aber dazu muß man erst einmal wissen warum denn ständig alles nicht so klappt wie bei anderen. Man braucht den Namen dafür um dann die richtigen Fragen stellen zu können und die richtige Antwort oder die richtige Art der Unterstützung zu erhalten.

Autistische Menschen alleine zu lassen, nur um ihnen kein Label anzukleben, schadet mehr als es nutzt. Denn es ist im Endeffekt nicht wirklich der Autismus, der das Leben zur Hölle macht – mit dem kann man gut leben, wenn man erst einmal weiss was Sache ist. Es sind die Erkrankungen, die dann auftreten, wenn man nicht weiss was Sache ist. Wenn einen der tagtägliche Kampf gegen Windmühlenflügel und der Blindflug durch unbekanntes Land mürbe gemacht hat. Autismus alleine schmälert die Lebensqualität kaum oder nur in Verbindung mit der Nullchecker-Umwelt. Aber eine mörderische Depression ist mitunter tatsächlich tödlich und es ist verdammt schwer, sich daraus wieder hervorzuarbeiten. Lebensqualität im negativen Bereich. Auch oft folgende Angst- und Panikstörungen sind nichts, was ich mit gutem Gewissen empfehlen könnte.

Natürlich gibt es sie, die Fälle, bei denen Autismus wirklich nur als ein ‚bisschen anders sein‘ daherkommt. Die aufwachsen ohne größere Verwerfungen und Dramen in ihrem Leben.
Die Vorbedingung für ein solches Leben, ist aber ein Umfeld, dass prima damit klar kommt, dass das Kind ein bisschen komisch ist. Das weder die große Therapiekeule auspackt, noch gleichgültig ist, noch das Anders-Sein ständig hervorhebt. Ein Umfeld, dass nur dann leicht Hilfestellung gibt wenn sie notwendig ist, ansonsten aber viel Normalität bietet.

Blöderweise ist das einzige, was die meisten Eltern nicht können: Ein Kind, das anders ist, einfach akzeptieren.

Tatsächlich ist das für viele Eltern sogar so ein Drama, dass sie lieber aufs Impfen verzichten, als ein autistisches Kind zu riskieren. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Schwere Infektionskrankheiten mit potenziell tödlichem Ausgang: Aber BLOSS KEIN AUTISTISCHES KIND! Lieber ein Totes. Aber keines, dass anders ist. Nicht normal.

Manchmal habe ich da wirklich den Eindruck, Leute finden es einfacher den Nachbarn zu erklären, dass ihr Kind leider an Masern elendiglich verreckt ist, weil sie zu ‚kritisch‘ fürs Impfen waren, als ihnen sagen zu müssen, dass ihr Kind autistisch ist.

Das Leben für Autisten wäre wirklich ganz toll, wenn wir alle in Familien groß werden würden, die damit ganz cool umgehen können. Und die Kindergärtnerin, die Lehrer, die Arbeitgeber. In diesem Utopia leben wir aber nicht und bis es irgendwann mal dahin kommt brauchen wir leider Hilfe und Anleitung um damit klar zu kommen, ohne noch dazu ein paar Krankheiten zu entwickeln, die dann wirklich Scheisse sind. Und dafür brauchen wir das Label. Ob es euch passt oder nicht.

Dann ist da die andere Seite. Für die ist Autismus eine tragische Erkrankung, die Eltern ihre Kinder stielt. Eine große Tragödie. Und noch medienwirksam ein paar Krokodilstränen verdrücken.

Während die erste Definition gerne aus der Ecke jener Menschen kommt, die ständig befürchten, andere könnten ein Stück mehr vom Kuchen abbekommen als sie selbst und die es deswegen lieber sehen würde, wenn jeder eben selbst zusehen muss, wie er klar kommt, kommt die zweite Definition ziemlich häufig aus der Ecke der Menschen, die von einer Autismusdiagnose profitieren. Finanziell gesehen. Oder die sich wenigstens Prestige erhoffen.

Das sind Eltern, die wenigstens ständig dafür gelobt werden wollen, wie toll sie das doch mit dem behinderten Kind machen … aber sehr oft einfach auch Leute, die mit der Behandlung von Autisten Geld verdienen. Zum Beispiel Vertreter von ABA-Therapien, Vertreter der Son Rise-Therapie oder schlicht allen Frühinterventions-Therapien, Verkäufer zwielichtiger Schlangenöl-Produkte und immer öfter ideologisch verblendete Fanatiker wie Impfkritiker oder ‚Tierschützer‘, die mit Hilfe der Autismusepidemie-Panik ihre eigene Agenda vorantreiben.

Die Therapieanbieter darunter haben natürlich nur das Beste im Sinn. Ihrer Ansicht nach, muß man Autisten helfen, in dem man sie so normal wie möglich macht. Und das erreicht man, in dem man Autisten jahrelang jede Normalität verwehrt und sie quasi rund um die Uhr therapiert. Normalität erreichen durch Entzug der Normalität. Bin ich eigentlich die Einzige, der das unlogisch vorkommt?

Und ja, dabei geht es auch um viel Geld. Jede dieser Therapien ist zeitintensiv. Die Daten über den tatsächlichen Nutzen, sind nach Ansicht von Fachleuten – Wissenschaftlern die nicht direkt am Verhaltenstherapie-Anbieter-Geldtopf hängen – mehr als mager. Aber hey: Ab in die Therapie. 24 Stunden am Tag. Sonst wird das Leben des kleinen Autisten später FÜRCHTERLICH! Sagen die Therapeuten. Die müssen es ja wissen. Sagen auch die Vereine, die ihre Spendengelder wollen um damit zu forschen und eines Tages Autismus ganz zu verhindern. Hupps. Hab ich gerade Eugenik gesagt? Es fließt auch nicht mehr als 50% aller Spendengelder in die Verwaltung des Vereins … Ehrlich.

Und dann die Ideologen. Impfgegner … siehe oben. Lieber tot als Autist. Und jetzt brüllt auch PETA rum, dass Eltern ihre Kinder bloß fleisch- und milchlos ernähren sollen, weil sonst AUTISMUS!

Die Wahrheit, liebe Leser, liegt wie immer dazwischen. Autismus ist nicht nur ein bisschen anders sein. Autismus ist auch keine Tragödie. Dass die Probleme eher durch die Gesellschaft als durch Autismus entstehen, ist dabei gleichgültig. Wir haben nur diese Gesellschaft und wir müssen in ihr leben. Ihr, und wir eben auch. Es wäre aber besser, wenn sich nicht so viele Menschen so stumpfsinnig scheisse Autisten gegenüber verhalten würden. Fangt doch morgen einfach mal damit an. Zum Beispiel, in dem ihr aufhört zu behaupten, dass Autismus entweder nur so eine Art aufgeblasener Juckreiz sei oder die furchtbarste aller furchtbaren Tragödien.

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