„Heute werde ich mich nicht merkwürdig benehmen“

Wenn Menschen, insbesondere Fachleute, davon reden, dass das Autismus ‚überdiagnostiziert‚ wäre oder man nicht jedem Kind, das ein bisschen schüchtern ist, gleich das Label angkleben müsse, machen mich solche Aussagen gleichzeitig sehr wütend, sehr hilflos und sehr frustriert.

Denn natürlich würde ein Kind, dass ausschließlich schüchtern ist, keine Autismus-Diagnose erhalten. Dazu müssen schon alle Diagnosekriterien erfüllt sein und erst die Kombination aus Problemen mit der sozialen Interaktion, wenig Augenkontakt, Auffälligkeiten in der Motorik, Spezialinteressen oder Routinen, repetetive Bewegungen (Stimming), eine von der Norm abweichende Wahrnehmung und die fehlende oder falsche Interpretation nonverbaler Signale anderer Menschen, führen zur Diagnose Asperger Syndrom. Und das auch nur dann, wenn die Lebensqualität der Betroffenen dadurch beeinträchtigt ist. Genau das dürfte auch der Fall sein, wenn Eltern mit ihren Kindern oder Erwachsene die Hilfe eines Diagnostikers suchen.

Derartige Aussagen, kann ich nur darauf zurückführen, dass die entsprechenden Fachleute, der Ansicht sind, nur wer wirklich auffällig ist und anderen Menschen Probleme verursacht, hat eine Diagnose und Behandlung nötig. Alle anderen, so scheint ihr Glaube zu sein, würden sich schon irgendwie durchwurschteln und eine Diagnose könne eher zu überbeschützendem Verhalten der Eltern führen – oder dazu, dass der so Diagnostizierte die Diagnose als Ausrede verwendet, sich nicht mehr entwickeln und nicht mehr anstrengen zu müssen.

Obwohl diese beiden Szenarien durchaus vorkommen, bin ich der Ansicht, es ist nicht das Recht der Fachleute, dann präventiv die Diagnose zu verweigern und Hilfesuchende unverrichteter Dinge abzuweisen. Denn Autisten, die nicht wissen was mit ihnen los ist, wurschteln sich nicht einfach durchs Leben. Sondern sie verwenden sehr viel Kraft darauf, der Welt um sie herum das vorzuspielen was sie erwartet und doch werden sie immer wieder scheitern, weil die soziale Interaktion leider ohne Benutzerhandbuch geliefert wurde.

Die verschwendete Kraft, die Fehlschläge, die vielen kleinen und großen, aber alltäglichen Katastrophen. Die ständige Zurückweisung oder gar Menschen, die die Naivität und verlangsamte emotionale Entwicklung autistischer Kinder und Jugendlicher für sich ausnutzen … das ist die Kombination aus der Depressionen, Angststörungen und Traumata (oder später im Leben der Burnout) gestrickt sind. Ein Gesamtpaket, das immer wieder zu Versagen führt. In Schule, Ausbildung, Beruf und Beziehungen.

Dabei reichen manchmal die kleinen Dinge um den Teufelskreis des Versagens auf und den, aus dem Versagen resultierenden, Folgeerkrankungen zu unterbrechen. Es muß nicht immer gleich die ganze Behandlungspalette von Ergotherapie bis Schulbegleiter aufgefahren werden. Was, bei vielen, eher ruhebedürftigen Autisten, ohnehin einfach zu viel des guten sein dürfte.

Alleine schon, zu wissen was los ist und vielleicht alle zwei Woche ein Gespräch mit einem guten Therapeuten oder Berater wäre durchaus in der Lage Wunder auf die Lebensqualität vieler Asperger Autisten zu wirken. Es würde die Möglichkeit schaffen, das eigene Verhalten zu reflektieren, sich das Verhalten anderer Menschen von jemandem erklären zu lassen, der es versteht und bewusst am eigenen Umgang mit der Umwelt zu arbeiten. Es könnte die Fehlschläge verringern oder diese würden wenigstens nicht so viele oder so tiefe Narben hinterlassen, weil man einen Menschen hat, mit dem man reden kann. Selbst dann wenn das restliche Umfeld einfach nicht versteht (oder verstehen will) was los ist.

I

ch war zwölf Jahre alt, als mich meine Mutter zum Psychologen schleppte um mal nachsehen zu lassen, was da eigentlich mit ihrem Kind los ist. Nach drei Jahren Aussenseiter-Dasein im Kindergarten und sechs Jahren Mobbing in der Grundschule und Gymnasium war ich ziemlich am Ende und die Welt schien eine endlose Abfolge von dunkler und dunkler werdenden Tagen zu sein. Zum Glück war ich für Selbstmord zu feige, aber das heißt nicht, dass ich ihn nicht Tag für Tag in Erwägung gezogen hätte. Als mir meine Mutter den Termin ankündigte, schaffte ich es, Trotz vorzuspielen. Damit sie nicht auf die Idee kam, dass der Besuch ganz in meinem Sinne war. Das ich mir tatsächlich nichts sehnlicher wünschte als endlich jemanden zum Reden zu haben. Die Vorstellungen meiner Mutter drehten sich wohl eher darum, dadurch endlich ein normales Kind zu bekommen. Eines mit Freunden, eines das nicht in den Tag träumt, sich nicht hinter den Büchern vergräbt, nicht altklug ist und eines, dass sie nicht ständig blamiert in dem dauernd komische Sachen tut, die normale Kinder eben nicht tun.

Um es kurz zu machen, der Besuch war ein Desaster und unser beider Hoffnungen wurden enttäuscht. Die abschließende Beurteilung des Psychologen nach zwei Sitzungen lautete in etwa: „Ihre Tochter ist sehr intelligent, hat Probleme mit der Rechtschreibung und ansonsten weiß ich nicht, was mit ihr los ist.“

Es gab weiterhin niemanden, der mir die Dinge erklären würde, die ich nicht verstand.

In meiner Teenagerzeit hatte ich dann ein Mantra. Sehr oft stellte ich mich, bevor ich aus dem Haus ging und mich mit Gleichaltrigen traf, vor den Spiegel und sagte immer wieder vor mich hin: „Heute werde ich mich nicht merkwürdig benehmen.“

Das Mantra half manchmal, mich daran zu erinnern zu beobachten, zuzusehen wie sich die anderen verhielten um dann ihr Verhalten nachzuahmen.

Manchmal funktionierte das und wohl oft genug, dass ich immer wieder Gleichaltrige in meinem Leben hatten, die meine Anwesenheit duldeten. Doch oft, zu oft half es eben auch nicht. Immer dann, wenn ich glaubte die Regeln endlich verstanden zu haben und versuchte einfach den Spaß zu haben, den die anderen auch hatten, zeigte sich, dass meine Interpretation doch leicht daneben gelegen hatte. Immer wieder übertrat ich  ungeschriebene Regeln und verletzte unsichtbare Grenzen. Es gab keinen Ausweg aus dem ‚merkwürdig Sein‘.

An dieser Stelle hätte der Teufelskreis noch aufgehalten werden können, der sich dann ab 18 in immer wiederkehrenden, schweren Depressionen, Panikattacken, sowie Versagen in Schule und Beruf manifestierte, bis er 2004 – 15 Jahre später – endlich, mit der Diagnose, durchbrochen wurde. Und alles was es dazu gebraucht hätte, war ein Mensch der mir erklärt, was ich nicht von alleine erkennen konnte.

Wer Autisten die Diagnose verweigert, weil sie der Aussenwelt nicht genug auf die Nerven gehen, wer zuviel Hilfe schlimmer findet als keine Hilfe,  der macht sich an dem was folgt mitschuldig.

 

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15 Comments „Heute werde ich mich nicht merkwürdig benehmen“

  1. dasfotobus

    Schwieriges Thema.
    Tatsächlich sehe ich oft, dass zu viel, falsch oder gar nicht geholfen wird nach der Diagnose, und das finde ich alles drei falsch.
    Ich finde nicht, dass zu viel Hilfe besser ist als keine Hilfe. Das tut sich nichts.

    Ich sehe schon seit geraumer Zeit Frühdiagnosen sehr kritisch, eben weil ich auch immer mal wieder online auf junge Autisten treffe, deren Eltern ihnen keine ihrem Alter gemäßen normalen Aktivitäten erlauben oder der junge Autist gar gesagt bekommt, er dürfe als Autist in dem Alter keine Beziehung haben, das sei verboten.
    Ja, sowas kommt vor. Und das ist schlimm.

    Wenn nach der Frühdiagnose passende Hilfe da wäre, die Eltern sich vernünftig informierten, keine Angst davor bekämen, dass ihr Kind anders ist, auch die Lehrer wenigstens grundlegend informiert wären, dann ist eine Frühdiagnose natürlich sehr sinnvoll. Doch oft ist das eben nicht der Fall.
    Oft passieren Extreme, das Kind wird abgeschottet, in Watte gepackt oder gar noch mehr als ohne Diagnose schon gezwungen, sich endlich „normal“ zu benehmen. Und das kann beides mehr kaputt machen als wenn einfach gar nichts passieren würde.

    Aber natürlich, wenn jemand sucht nach sich oder dem Sein seines Kindes, dann hat kein Arzt die Diagnose zu verweigern. Dann hat er sie zu stellen. Dem stimme ich zu.
    Denn es geht kaum jemand einfach nur mal so aus Spaß zum Psychiater.

    Am Hilfsangebot jedoch und an der Aufklärung, da muss noch viel dran gemacht werden, damit nach der Diagnose kein größerer Bullshit passiert als ohne Diagnose.

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    1. Mela Eckenfels

      Man könnte jetzt natürlich in Frage stellen, ob solche Ausreisser überhaupt Hilfe sind. Hilfreich sind sie natürlich nicht. Nur der Diagnostiker kann das vorher nicht wissen. Es gehört meiner Ansicht nach auch zu seinem Job, dann aufzuklären und hilfreiche Wege aufzuzeigen.

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  2. Atari-Frosch

    Oh, das Thema hatte ich auch gerade, allerdings mit Bezug auf einen Artikel beim Deutschlandfunk. Die können das ja eigentlich recht gut mit dem Qualitätsjournalismus, aber hier haben sie m.E. danebengegriffen: Trend-Diagnosen.

    Ich finde, die Diagnose allein – jetzt noch ohne Therapie etc. – ist bereits hilfreich, weil man, wie Du schon sagst, man sich nicht mehr fragen muß, warum man denn so anders ist. Daß Therapien und Hilfen noch Mangelware sind, ist ein anderes Thema.

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  3. Mundpilz

    ich sehe in dieser ganzen Modediagnose Diskussion auch einfach eine Form des Verteilungskampfes im Sozialsystem. Das ganze wird gerade von Autismus Deutschland befeuert, beispielsweise ist von Prof. „Büchse“ überliefert das er der Meinung ist das Autisten nicht, oder nur selten im Stand sind selbständig einen Diagnostiker aufzusuchen. An diesem Punkt werden die teils massiven aber oft unsichtbaren Probleme die mit Hochfunktionalem Autismus verbunden sind geleugnet.

    Gleichzeitig steht immer eine Unterstellung von Schmarotzertum im Raum, man will unberechtigterweise eine SBA oder „nicht arbeiten müssen“. Diese Unterstellung ist auf eine gewisse Weise intresant und hängt auch mit der „Filterbubble“ zusammen in der sich das Sozialsystem und seine Mitarbeiter bewegen, für viele Ärzte ist die Vorstellung das man eine Diagnose nimmt, in die Schreibtischschublade legt, und sich sagt „ok jetzt habe ich Klarheit“, und eben keine Therapie macht, oder Sozialleistungen beantragt, kaum vorstellbar. Was das ganze irgendwie noch absurder macht ist die Unterstellung das „Leichtbetroffene“ sozusagen die „Futtertöpfe“ im Sozialsystem leerfressen, und dann bleibt nix mehr übrig für die die es brauchen würden. Die Hilfen die man angeblich unberechtigterweise (hahahah) in Anspruch nimmt existieren nämlich garnicht, die Versorgungslage für Autisten ist eben nicht schlecht weil zu viele Fehldiagnostizierte Hilfe in Anspruch nehmen (auf die sie eh meist einen Anspruch hätten, nur wegen einer anderen Diagnose), sondern das fast keinerlei Hilfe existiert.

    An dieser Stelle kann man sich fragen in welcher Realität Frau Kampp Becker lebt.

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    1. Mela Eckenfels

      Ich bin sogar der Ansicht, dass frühe und exakte Diagnosen die Sozialsysteme sogar schonen würden. Hilfestellung ist meist im Kindes- und Jugendalter nötig, wenn die Hilfsempfänger also selbst noch keinen Beitrag zu den Sozialkassen leisten.

      Können, dank früher Hilfe, Folgeerkrankungen vermieden werden, hätte das einen deutlich entlastenden Effekt. Es könnten möglicherweise mehr Autisten überhaupt eine Beschäftigung finden und wären so nicht auf Sozialleistungen angewiesen, die eine Beschäftigung haben, würden nicht teils jahrelang aus dem Arbeitsleben herausfallen, weil sie wegen Depressionen/Burnout/Zwangsstörungen behandelt werden müssen und die Behandlungskosten blieben vermutlich rundweg niedriger.

      Nur gegen doofe Eltern, wie von fotobus angesprochen, gibt es leider noch keine wirksame Hilfe.

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      1. Imke

        „Ich bin sogar der Ansicht, dass frühe und exakte Diagnosen die Sozialsysteme sogar schonen würden.“

        Davon bin auch ich überzeugt. Bei erwachsenen Autisten ist die Diagnostik ja oftmals unter anderem so schwierig, weil zum Autismus inzwischen zahlreiche Komorbiditäten hinzu gekommen sind. Nicht alle Diagnostiker machen sich klar, dass beispielsweise eine Sozialphobie oder Depression eine Differentialdiagnose, ebenso aber auch eine Komorbidität sein kann. Ich bin sicher, eine rechtzeitige Diagnose kombiniert mit einer differenzierten, gründlichen Aufklärung sowohl von Eltern wie von Fachleuten, die mit dem Kind/Jugendlichen/jungen Erwachsenen zu tun haben, könnte den Kreislauf aus schlechten Erfahrungen, Enttäuschungen, Versagen etc. und die daraus oft resultierenden Komorbiditäten in vielen, wenn nicht sogar den meisten Fällen verhindern. Auch bei der Wahl des Studienfaches oder der Ausbildung und bei der Organisation des Studiums könnten die „Weichen“ oft von vornherein richtig gestellt werden. Viele Autisten spüren intuitiv, was gut für sie ist, lassen sich aber von „vernünftigen“ Ratschlägen und Hinweisen, dass man sich halt anpassen müsse etc., verunsichern. Zudem verkennen sie oft die Wege und die tatsächlichen informellen Anforderungen, die gerade bei anspruchsvolleren, potentiell erfüllenderen Berufen oft notwendig sind, um den Einstieg und die eigene „Nische“ zu finden. So landen sie in „Sackgassen“, wo sie ihre Stärken nicht einsetzen können, die Schwächen aber dafür umso mehr zum Tragen kommen. Und sie erfahren Ausgrenzung, anstatt, wie es im Idealfall in einer passenden „Nische“ der Fall sein könnte, über den Beruf sozialen Austausch und Integration zu finden.

        All das bleibt nicht selten unsichtbar und wirkt nach außen so, als ob der oder die Betreffende zurecht käme – und ist doch oft mit großem Leid verbunden. So vieles hätte sich mit einer rechtzeitigen Diagnose und angemessenen Unterstützung verhindern lassen …

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        1. Kiezkicker

          Ack, war bei mir ja auch so, dass ich zwar immer wusste, dass ich „irgendwie anders“ bin, dafür aber keinen Namen hatte. Irgendwann stellte sich dann eine Depression ein, und endlich hatte ich einen Name, mit dem ich dann zu einem passenden Arzt gehen konnte. Zum Glück erwischte ich gleich einen wirklich guten.

          Irgendwann während der Behandlungszeit der Depression sah ich dann einen Bericht über das Asperger-Syndrom und fiel aus allen Wolken, weil die gefühlsmässig über mich berichteten.

          Dieses Gefühl warf mich dann in der Behandlung der Depression allerdings deutlich zurück. Zwar hatte ich nun plötzlich auch einen Namen für das, was ich auch schon vor meiner Depression fühlte, aber andererseits dann auch eine zweite „Baustelle“, an dessen Front ich mich abarbeiten konnte oder durfte.
          Ich war also einerseits erleichtert, endlich einen Namen für das „anders sein“ zu haben, aber je mehr ich mich dann informierte, desto mehr verstärkte sich dann auch meine Depression, weil dieses Wissen etwas von „Dauerhaftigkeit“ ausstrahlte.

          Andererseits fand ich endlich den Grund für meine Depression, nach dem zuvor weitestgehend erfolglos gesucht wurde- und ja, trotzdem war der Arzt ein guter, denn während der Depression half es bereits, zu reden – auch wenn ich nur durch diesen TV-Zufall dann erfuhr, was der Auslöser für die Depression gewesen sein konnte.
          Bzw., wie ich nun weiss, wohl auch war. Diese ewige Überforderung, ausgelöst durch dieses ständige Schauspielern, ständige Misserfolge im Lebenslernfach „soziale Kommunikation“.

          Bis zur Diagnose war es dann ein relativ kurzer Weg, bis auch meine Depression erfolgreich behandelt war – Gutachten schreiben, Eltern befragen, SBA beantragen, fertig.
          Seitdem werkel ich täglich an meiner Selbstakzeptanz, was natürlich umso „leichter“ ist, seit ich weiss, _warum_ ich so bin wie ich bin. Einfach, weil es für so vieles, was man immer wieder erlebt, nun Erklärungen gibt. Und wenn man immer wieder vor unsichtbaren Mauern steht, braucht man nichts wichtigeres, als eine Erklärung dafür. Und sei es eben nur der Hinweis, dass sich daran wohl auch zukünftig kaum was ändern wird. Aber eben in Verbindung, dass weder die anderen, noch man selbst direkt „schuld“ an dem Misslingen dieser sozialen Regeln ist. Man ist befreit von der Last, ständig nach schuldigen suchen zu müssen, und kann sich mehr dem möglichen Beseitigen, Vermeiden widmen, versuchen, daran zu arbeiten, nicht immer wieder die gleichen Fehler zu machen. Das benötigt aber eben erst mal das Wissen, dass und warum es ein „Fehler“ ist. Und dabei hilft einem dann eben der Feststellungsbescheid (von dem ich spontan nicht mal sagen könnte, in welcher Schublade ich ihn aktuell vergraben habe). Es war der Name für mein Empfinden, was ich brauchte…

          Und danke auch für den zweiten Teil ders Artikels. Diese Geschichten gleichen sich immer so… ;-(

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  4. Waldschrat

    Ein solcher Fall bin ich:
    Autist und hochbegabt, erst aus dem Studium herausgemobbt, dann aus der Doktorarbeit.
    Prognose der Lehrer und einiger Profs an der Uni: „Sie werden ein guter Chemiker“ und damit ein Premium-Steuerzahler.
    Falsch. Ich bin ein Sozialfall, desen Finanzierung und Therapie die Steuern und Sozialbeiträge mehrere gutbezahlte Akademiker kostet, voraussichtlich auf Lebenszeit.
    Eine Diagnose spätestens in der Mitte des Studiums hätte das verhindern können.

    Ich hatte mal die Idee, aus Rache durch Selbsteinweisung in Knast oder geschlossene Psychatrie die Kosten in die Höhe zu treiben.
    Durch meine Versuche, nicht zum Sozialfall zu werden und ohne Rücksicht auf meine Gesundheit in schlechten Jobs durchzuhalten, habe ich aber schon unabsichtlich mehr Kosten verursacht, als durch einen absichtlichen Racheakt überhaupt möglich wäre.

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  5. Simone

    Erst dadurch, dass heute Autismus häufiger diagnostiziert wird, wächst auch die Zahl der Hilfsangebote. Und die brauchen viele Betroffene genauso wie z. B. ihre Eltern. Denn wer nicht von Autismus betroffen ist, kann nicht wirklich nachvollziehen, wie ein Mensch mit Autismus fühlt und denkt. Aber die Menschen, die z. B. mit einem Asperger-Autisten zusammenleben, sollten zumindest ansatzweise verstehen lernen, warum er oder sie sich so verhält, wie er/sie es tut. Damit wenigstens manche Missverständnisse ausgeräumt werden können. Und sie zumindest im Gespräch bleiben.

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  6. Imke

    Vielen Dank für diesen klaren, klugen, schön geschriebenen Artikel. Ich erkenne mich in so vielem wieder … Die Praxis, Kindern, Jugendlichen oder auch Erwachsenen die Diagnose zu verweigern, obwohl die Kriterien zutreffen, mit dem Ziel, sie nicht zu „pathologisieren“, halte ich schon lange für äußerst problematisch. Im Grunde auch für eher bequem als wirklich wohlmeinend – wie Du richtig sagst, geht es hier ja um die Verweigerung von Hilfe und Antworten für Menschen, die nach außen erst einmal irgendwie zurecht kommen und keine Probleme machen. Wie man ein Bekannter sehr treffend bemerkte: „Gestört ist immer nur das, was den Lehrer stört“. Übrigens meiner Ansicht nach auch der Hauptgrund, weshalb Mädchen und Frauen vergleichsweise seltener diagnostiziert werden als Jungen und Männer. Viele typisch autistische Verhaltensweise werden abhängig vom Geschlecht unterschiedlich bewertet – und Mädchen und Frauen neigen zudem bei Problemen oft eher zu Rückzug.

    Wer ein Kind oder einen Erwachsenen nicht „pathologisieren“ will, sollte zudem bedenken, dass die „Andersartigkeit“ nicht erst mit der Diagnose entsteht. Autisten werden auch ohne Diagnose „pathologisiert“. Mitschüler, Verwandte, Bekannte, Nachbarn, Kollegen etc. bescheinigen ihnen „schlechte Erziehung“, „Rücksichtslosigkeit“, „Unreife“. Und vor allem und immer wieder eine „komische Art“. Diese Formulierung zog sich durch mein gesamtes Leben, von der Kindheit über die Teenie-Zeit und Jugend bis zum Erwachsenenalter. Auch ich nahm mir schon als Kind immer wieder vor, mich nicht mehr „komisch“ zu verhalten (ich kann mich an derartige Gedanken noch gut erinnern), und ahmte phasenweise gezielt eine mir sympathische Mitschülerin nach, um auch „normal“ und beliebt zu werden.

    Eine rechtzeitige Diagnose, da bin ich mir sicher, hätte auch mir sehr helfen können. Helfen, zu verstehen, weshalb ich in gruppendynamischen Zusammenhängen immer wieder zum Außenseiter wurde. Immer wieder glaubte, Fortschritte gemacht, nun endlich „den Dreh gefunden“ zu haben – nur um auch als Erwachsene noch plötzlich doch wieder mit den altbekannten Situationen konfrontiert zu werden, die ich schon aus der Grundschule oder gar dem Kindergarten kannte. Auch ich halte nichts von einer „Übertherapie“ und hätte beispielsweiseauf keinen Fall einen Schulbegleiter gewollt, durch den ich mich von anderen noch weiter unterschieden hätte. Ein individueller Ansprechpartner, der die Ruhe und die Nerven gehabt hätte, mit mir soziale Situationen detailliert durch zu diskutieren, der im Notfall bei Problemen vielleicht auch interveniert hätte – das wäre wunderbar gewesen.

    Unendlich wertvoll wäre die Diagnose jedoch auch für mich vor allem gewesen, da sie mir geholfen hätte, mich selbst und meine oft unerklärlichen Schwierigkeiten besser zu verstehen. Spätestens im Studium wäre das rückblickend essentiell gewesen, als es nach einem sehr guten Abi unerwartet „holprig“ weiter ging. Viele Blockaden und Ängste hätte ich dann vielleicht gar nicht erst entwickelt. Hätte bessere, für mich geeignetere Entscheidungen getroffen und wäre jetzt nicht in einer Sackgasse, die mir das Leben oft vollkommen sinn- und hoffnungslos erscheinen lässt. Denn Hilfen zu einem echten Neuanfang gibt es für erwachsene Autisten in den meisten Fällen de facto nicht. Zumindest nicht, solange sie nicht bereit sind, sich vollkommen zu „unterwerfen“ und etwa ein extremes „Downgrading“ zu akzeptieren, nur um überhaupt einen Arbeitsplatz zu haben. Gleichgültig, ob sie ihre Stärken und Interessen dort einsetzen können. Letztlich steht man allein da, auch mit Diagnose, und kann einen Weg für sich höchstens durch Glück und die „richtigen“ privaten Kontakte finden. Gerade angesichts der besonders in Deutschland üblichen Altersdiskriminierung kommt die Diagnose oft erst zu einem Zeitpunkt, wo sie zwar eine Erklärung bietet, die Lebenssituation jedoch bereits so verfahren ist, dass sie daraus keine Perspektive mehr entwickeln lässt. Und diese Perspektivlosigkeit bei gleichzeitigem Wissen, dass sich das verhindern lassen hätte, auch jetzt, bekäme man noch einmal eine echte Chance, noch revidieren ließe – während man doch weiß, dass es diese Chance nicht geben wird …. Da ist es schwer, nicht bitter zu werden ….

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