Beschwerde: Homestory zum Autistic Pride Day bei Stern Online

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UPDATE

Ich hatte, heute (19.06.2021) noch, ein längeres, angenehmes und wertschätzendes Telefonat mit der Autorin Mirjam Bittner geführt. Sie konnte mich überzeugen, dass sie mit dem Artikel und auch der Wahl des Partners beste Absichten verfolgte.

Sie hat, so mein Eindruck, die Signifikanz des Tages nicht vollständig erkannt bzw. ging davon aus, dass das Zusammenarbeit mit einem Vater bzw. einem Elternpaar, das der eigenen Tochter liebevoll, aufgeschlossen und wertschätzend gegenübersteht, den Geist des Tages verkörpert. Ich denke, ich konnte vermitteln, das das leider nicht der Fall ist.

Frau Bittner war, erneut, mein Eindruck, von der Komplexität des Hintergrunds und was die vielschichtigen Probleme zwischen Autisten und Autismuselternorganisationen angeht, überfahren und überwältigt. Ich kann es ihr nicht verdenken.

Frau Bittner zeigte sich darüber hinaus neugierig, aufgeschlossen und willig sich dem Thema und seiner Komplexität auch in Zukunft nähern zu wollen.

Ich behaupte auch, durchaus gewisse Berührungsängste, bzw. Ängste in der Kommunikation mit Autisten oder bei der Darstellung von Autisten etwas falsch zu machen, wahrgenommen zu haben. Aber mein Eindruck war, dass Frau Bittner sich dessen bewusst ist und sich in einem Lernprozess befindet.

Auch mit Daniel Bröckerhoff kam es auf Twitter zu einem kurzen Austausch. Er hat, ebenfalls mein Eindruck, nicht wirklich über die Zusammenhänge nachgedacht, bzw. fühlte sich als ‚irgendwie auch im neurodiversen Spektrum‘ als fähig diese Homestory im Geiste des Tages vermitteln zu können.

Ich habe versucht zu vermitteln, dass die Elternperspektive die Elternperspektive bleibt. Egal wie sehr eine Person selbst betroffen ist. Dass am Autistic Pride Day Autisten für sich selbst und über sich selbst sprechen sollten und nicht über autistische Kinder und zwar auch dann, wenn sie selbst Elter eines autistischen Kindes sind. Link zum Thread auf Twitter.

EIN KOMMENTAR AN JOURNALISTEN UND ANDERE MEDIENMACHER

Das Thema Autismus ist extrem komplex. Das Wissen über Autismus wird ständig erneuert. Wer sich heute ein Lexikon oder medizinisches Handbuch zur Hand nimmt und nachliest, kann sich sicher sein, darin eine Darstellung vorzufinden, die zehn Jahre veraltet ist – das im besten Falle.

Sich kurz in das Thema einzulesen und dann unfallfrei darüber zu schreiben, ist nahezu unmöglich.

Wie man auch aktuell, wenn man sich mit Covid-19 beschäftigt, gut daran täte sich von Wissenschaftsjournalisten bei der Einordnung helfen zu lassen, täten Journalisten gut, sich bei der Einordnung zum Thema Autismus helfen zu lassen.

Es gibt autistische Journalisten, autistische Offentlichkeitsarbeiter, autistische Medienmenschen. Man kann mit uns – ja, Mehrzahl! – sprechen, uns ansprechen uns sogar für unsere Arbeit bezahlen. (Ja, ich weiss, das gleiche Problem, das Redaktionen davon abhält, sich bei der Einordnung von Covid-19-Themen helfen zu lassen: Geld.)

Wie bei vielen Themen ist Twitter ein schneller Kanal über den man Autisten findet, die Experten in einem bestimmten Aspekt des Themas sind (ich beispielsweise: pseudomedizinische Therapien & die Quacksalberszene, Autismusgeschichte, Organisationen und Strömungen – siehe auch: hier).

Eine andere Möglichkeit bietet die Plattform Speakabled. Dort findet man sogar zu allen Behinderungen Selbstvertreter, die auch bereit sind, mit den Medien zu sprechen. Das Projekt Leidmedien kann ebenfalls bei der Suche helfen und auch dabei, beim Schreiben über Menschen mit Behinderungen weniger Fehler zu machen, bzw. Berührungsängste abzubauen.

10% aller Menschen leben mit einer Behinderung. Es wird Zeit, dass das auch endlich in der journalistischen Ausbildung adäquat behandelt wird und sich auch in der Besetzung der Redaktionen widerzuspiegeln beginnt.

Es wird Zeit sich davon zu lösen, der Eltern- oder Betreuerperspektive einen Löwenanteil der Berichterstattung zu widmen. Nicht sie sind es, die mit einer Behinderung leben. Wir, Menschen mit Behinderungen, sind es.

Und auch wenn Ihr euch, als Journalisten, dafür interessiert, wie das denn ist mit einem behinderten Kind/einem behinderten Angehörigen zu leben: vielleicht denkt Ihr, bevor Ihr den nächsten Artikel zur Elternperspektive plant, kurz darüber nach, wieviel des Denkens über behinderte Menschen als „Belastung“ da noch drin steckt.

Werdet besser. Hört auf unreflektiert Narrative des beginnenden 20. Jahrhunderts zu wiederholen. Wir leben im 21. Jahrhundert.

PERSÖNLICHES FAZIT

Auch wenn ich jetzt besser verstehe, wie es zu dem Artikel kam, sehe ich es weiter als Problem an, dass er online ist und auch das Label „Autistic Pride Day“ trägt. Es sendet ein problematisches Signal und ist in der Lage viele Autisten zu verletzen, die nicht – wie ich – das Privileg haben, ein persönliches Telefonat zu führen.

Ich würde mir wünschen, dass der Artikel baldmöglichst durch einen ersetzt wird, der dem Geist des Tages gerecht wird.

Unter dem Gesichtspunkt, dass die verantwortliche Autorin reagiert hat, sehe ich wenig Sinn darin, die Beschwerde mitsamt Unterschriften noch postalisch an den STERN zu schicken.

Die Botschaft ist angekommen.

Wir wurden gehört.

Ob und welche Handlungen jetzt noch folgen werden, bleibt abzuwarten.

Ich lasse die Unterschriftenliste noch bis Montag geöffnet, werde sie dann hier ins Blog übertragen und für die Zukunft festhalten.

Beschwerde goes Offener Brief

Ich wurde gebeten, meine Beschwerde in einen offenen Brief umzuwandeln. Wer mitzeichnen möchte, kann das im verlinkten Google-Dokument tun. Ich werde dann Brief und Unterschriften ausdrucken und per Post an den STERN schicken.

Beschwerde: Homestory zum Autistic Pride Day mit Daniel Bröckerhoff.

Liebe Stern-Online-Redaktion,

Mit steigender Fassungslosigkeit musste ich feststellen, dass ihre Autorin Mirjam Bittner zum Autistic Pride Day eine Homestory mit dem Journalisten Daniel Bröckerhoff, Vater eines autistischen Kindes, brachte.

( https://archive.is/YDTy1 )

Der Autistic Pride Day wurde, anders als der Welt-Autismus-Tag am 2. April, von erwachsenen Autisten ins Leben gerufen. An diesem Tag begehen wir unsere Emanzipation, von einer Welt, die uns nicht akzeptiert, sondern für reparaturbedürftig hält; von einem medizinischen System, das uns in Teilen weiterhin entmenschlicht und uns als leere Hüllen bezeichnet, in die man eine Persönlichkeit hineinprügeln müsse (Lovaas); von Autismuselternorganisationen, die über uns hinwegsprechen; und oft auch von unseren eigenen Eltern. Die uns zu oft nicht akzeptieren, sondern versuchen mit normangleichenden Therapien so un-autistisch wie möglich wirken zu lassen, die uns von Quacksalber-Therapie zu Quacksalber-Therapie schleppen, oder die autistische Kinder misshandeln und ermorden, weil sie nicht das Kind bekamen, das sie bestellt hatten.

Morde an autistischen Menschen durch ihre Eltern oder Pflegende sind so häufig, dass es den Autism Day of Mourning gibt und eine eigene Seite, die die Todesmeldungen sammelt.

Diese Häufung kommt nicht von ungefähr. Sie ist auch keine Folge von Autismus oder der ‘schlimmen Belastung’ unter der die Eltern stehen. Sie ist eine Folge der hasserfüllten Rhetorik von Autismuselternorganisationen, wie Autism Speaks, die behaupten, wir seien nur unter einer Autismusschale eingesperrt und dort könne man uns mit möglichst radikalen Therapien auch wieder herausholen. Die uns als gestohlene Kinder bezeichnen, uns nicht nur auf diese Weise immer wieder dehumanisieren; die uns die Stimme nehmen und allgemein tun, was die Eltern für das Beste halten. Egal wie oft und wie lange erwachsene Autisten davon berichten, wie sie in ihrer Kindheit durch ‘Interventionen’ traumatisiert wurden.

Die Autisten, die spät diagnostiziert wurden und so in ihrer Kindheit einem Therapiemarathon entkamen, der nicht selten auch körperliche und psychische Misshandlung beinhaltet, sind dennoch meist nicht ohne Folgen durch die Kindheit gekommen. Viele von uns haben (psychische) Misshandlung erlebt, weil wir unseren Eltern zu anders waren, um geliebt zu werden.

Kaum einer Gruppe ist so lange die Selbstvertretung, die eigene Stimme verweigert worden, wie Autisten. Bei kaum einer Gruppe drängen sich immer wieder die Eltern und Elternorganisationen in den Vordergrund und versuchen die Emanzipation zu torpedieren.

Unter diesem Gesichtspunkt ist es völlig unerklärlich, wie die Redaktion, wie Frau Bittner es für eine gute Idee halten konnten, einen Vater ÜBER Autisten reden zu lassen, anstatt an UNSEREM Tag auch UNS sprechen zu lassen.

Stern Online handelt also genau so, dass der Grund, aus dem der Tag begangen wird, nämlich dass man endlich MIT UNS redet und UNS zuhört, ins Gegenteil verkehrt wird.

Und nicht nur das: Obwohl der Autistic Pride Day eine Gegenbewegung zu Elternorganisationen ist, wird auch noch auf die größte deutsche Elternorganisation, Autismus Deutschland, verlinkt. Eine Organisation, die keinen Autisten im Vorstand duldet, weil sie keine Mitsprache von Autisten akzeptiert. Eine Organisation, die Gliederungen akzeptiert, die nutzlose aber schädliche Quacksalbertherapien propagieren. Eine Organisation, die uns unsere Handlungsfähigkeit kategorisch abspricht und die weder unser körperliches noch unser geistiges Wohl auf der Agenda hat, sondern in erster Linie die Elternwünsche.

Erneut an UNSEREM Tag, den WIR uns erkämpft haben, der nötig wurde, weil UNS NICHT zugehört wurde, bringt Stern Online eine Homestory, in dem sich ein Vater eines autistischen Kindes, ein Journalist, profilieren darf. Und verlinkt auf eine Elternorganisation, die für ihren respekt- und rücksichtslosen Umgang mit autistischen Erwachsenen bekannt ist.

Einen größeren Missgriff, eine größere Beleidigung, einen größeren Mittelfinger an autistische Menschen, die für ihre Rechte kämpfen, hätte man auch bei aller Mühe kaum hinbekommen können.

Ich weiss nicht, was sich Frau Bittner dabei gedacht hat. Ob es ihr egal war. Ob sie nicht recherchiert hat. Ob sie dachte, der Autistic Pride Day ist auch nur sowas wie der Welt-Autismus-Tag, nur mit mehr Konfetti. Oder ob ihr die Zusammenhänge bekannt waren und es ihr trotzdem egal war. Ob sie einfach die Klicks mit einer ‘herzerwärmenden’ Story hochtreiben wollte. Was immer die Motivation dahinter war: Der Beitrag ist beleidigend, verletzend. Es ist ein Faustschlag mitten ins Gesicht von Autisten.

Es ist das Unsensibelste, Ignoranteste, Rücksichtsloseste und Unethischste, das ich seit langem von einem großen Medium gesehen habe und ich habe seit meiner eigenen Diagnose vor 20 Jahren, viel Schlechtes, viel Grauenvolles und nur sehr wenig Gutes sehen dürfen.

Wenn Sie auch nur halbwegs verstehen, wie heftig hier die Faust der Redaktion, von Frau Bittner und auch von Herrn Bröckerhoff, in unser Gesicht trifft, dann tun Sie das einzig Richtige: Sie nehmen den Artikel aus dem Netz, um wenigstens nicht weiter auf unserem Rücken Werbeeinnahmen durch Klicks zu generieren.

Spenden Sie die bisher eingenommenen Gelder, aber spenden sie sie NICHT an eine Elternorganisation, sondern an eine von Autisten selbst geleitete Organisation.

Die Faust ist bereits nachdrücklich in unserem Gesicht gelandet. Das lässt sich nicht rückgängig machen. Aber den Artikel zu löschen, wäre zumindest ein Signal, dass Sie verstanden haben und ein Signal für die Zukunft, dass es nicht mehr passieren wird.

Wir schreiben das Jahr 2021 und immer noch finden Redaktionen nichts dabei, nicht mit Menschen mit Behinderungen (nicht nur Autisten) zu reden. Immer noch wird zuerst das Gespräch mit Angehörigen gesucht, mit Betreuenden. Zuletzt bei der Berichterstattung zu den Morden im Oberlinhaus hat sich auch der Stern nicht mit Ruhm bekleckert und nur den Vorstand sprechen lassen, statt das Gespräch mit Bewohnern zu suchen, um sich eine realistische Vorstellung von den Verhältnissen dort zu verschaffen.

Es wird Zeit, dass Sie die eigenen Berührungsängste reflektieren und überwinden.



Nachtrag

(Der Nachtrag wird nicht Teil des Briefs sein, den ich mit Unterschriften an den STERN sende.)

In meiner Beschwerde gehe ich nicht auf den Inhalt des Artikels ein. Dazu gäbe es aber auch einiges zu sagen und ich habe es in einem Thread auf Twitter angerissen:

Nebenbei hab ich mich da noch nicht mal _inhaltlich_ mit dem Text beschäftigt. Da wären noch ganz andere Baustellen aufzumachen.

Alleine, dass er existiert, ist schon unverzeihlich.

Solche Klopper zum Beispiel:
„“In Deutschland ist es immer noch so, dass ein Großteil der Menschen mit Autismus nie ins Erwerbsleben kommt, viele NICHT SPRECHEN können, >

viele nicht autonom leben können. Dabei wäre das theoretisch möglich, wenn man ihnen frühzeitig die entsprechende Förderung zugestehen würde.“

„nicht sprechen können“ als Versäumnis rechtzeitiger Förderung. Hier sind wir mitten im Normalisierungssumpf.

Was Autisten brauchen ist ein _Kommunikationsweg_. Das kann Sprache sein, muss aber nicht.
Das bedeutet auch, dass man ihnen keine Kommunikationsform abverlangt, die nicht passt.

Das widerspricht Förderung nicht.

Förderung hilft Autisten das Potenzial zu erreichen, das ihnen entspricht. Ohne sie zu verbiegen und zu traumatisieren. Das bedeutet eben auch, dass man Autisten nach ihrem eigenen Takt sprechen lernen lässt.

Manche werden es lernen, manche irgendwann anfangen, manche lernen es nicht. Aber das ist egal, solange ein solider Kommunikationskanal existiert.

Das kann Gebärdensprache sein, das können Talker sein.

Natürlich wird es nicht leichter einen Job zu finden, wenn man nicht sprechen kann, aber im Umkehrschluß zu sagen, dass man dann eben Autisten zum Sprechen bringen muss, sind genau die normangleichenden Therapien, gegen die wir uns wehren.

Fassen wir zusammen: @sternde lässt nicht nur am Autistic Pride Day Eltern statt Autisten zu Wort kommen, verlinkt auf eine Organisation, die von erwachsenen Autisten abgelehnt wird, nein, im Halbsatz werden auch normangleichende Therapien als wünschenswert dargestellt.

Nebenbei: 80% der Autisten sind arbeitslos, die sprechen können und oft sogar Hochschulabschlüsse haben. Bevor wir also nonverbale Autisten zum Sprechen drillen, wie wärs, wenn wir es generell mal mit mehr Inklusion versuchen, hm?

Auch das ‚autonom leben können‘, ist nebenbei ein Werbeslogan der ABA-Lobby. Ich kann mir also gut vorstellen, wie (und von wem, weil Hamburg) @doktordab ‚beraten‘ wurde.

Was ein Stunt. Zum Autistic Pride Day, etwas ABA-Lobby-Talk in den Medien. Brilliant.

Was die Autorin sonst noch so schreibt:

https://www.stern.de/lifestyle/leute/saengerin-sia-dreht-film-ueber-autismus—ohne-autisten-30380806.html

Man könnte sich schlapplachen, wenn es nicht so bitter wäre.
— Aus Sias Fehlern was für die eigene Arbeit lernen? Och, neee. Lieber nicht. —

Originally tweeted by Mela Eckenfels (@Felicea) on 19. June 2021.

(Der Nachtrag wird nicht Teil des Briefs sein, den ich mit Unterschriften an den STERN sende.)


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1 Comment Beschwerde: Homestory zum Autistic Pride Day bei Stern Online

  1. Anita

    Danke
    unterschrieben

    zur Frühförderung,
    dass die Mutter, Sonderpädagogin, den Eindruck vermittelt das es Frühförderung auch ohne Diagnose bzw. im laufenden Diagnoseprozess nicht gäbe, ist schädlich.

    Die wohl präferierte, autismusspezifische Therapie, beinhaltet in ATZ btw nur selten Logopädie oder Ergotherapie.

    Als jemand, der aus einem Gebiet stammt in dem in ATZs hauptsächlich AVT oder ABA angewandt wird, kann ich zudem auch feststellen, dass man ausgebildete Logopäden und Ergotherapeuten dort mit der Lupe suchen muss.

    Es wird in dem Artikel nach meinem Empfinden suggeriert, dass ohne Diagnose gar nichts vorwärts ginge und mit Diagnose nur nach einem normangleichenden Weg.

    Das empfinde ich, Mutter von vier autistischen Kindern, als schädlich.

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